Runde Tische - Kungel zwischen Kirche und Staat ohne Nutzen
für ex-Heimkinder oder Gesellschaft.

Ohne Zweifel hat die Veröffentlichung des Buches "Schläge im Namen des Herrn" durch den Spiegelautoren Peter Wensierski, in dem er auf die geradezu unvorstellbar entwürdigenden Erziehungspraktiken in staatlich und kirchlich geführten Heimeinrichtungen während der Nachkriegszeit gegenüber Kindern und Jugendlichen aufmerksam machte, bereits einige Betroffenheit innerhalb unserer Gesellschaft ausgelöst.
Doch obwohl seine Veröffentlichung von einem gewaltigen Medienecho begleitet wurde, weigerten sich nahezu alle Verantwortungsträger aus Kirchen, Staat und Sozialwesen die Dimension und eigenen Anteile an diesem gesellschaftlichen Skandal aufzugreifen.

ERST der Hartnäckigkeit einiger weniger Betroffener, die den Status quo des allgemeinen Wegsehens nicht mehr ohnmächtig hinnehmen konnten, nötigten dem Bundestag durch mehrere Petitionen von ex-Heimkindern die Bereitschaft ab, sich endlich diesem tiefschwarzen Kapitel deutscher Geschichte und dessen Opfer anzunehmen.
www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2008/22815554_kw48_petitionen2/index.html

Wie schwierig es war und wohl auch noch immer ist, sich hier öffentlich Gehör zu verschaffen, kann ich inzwischen ein gutes Stück weit nachvollziehen, da selbst ich 2004/5 als Betroffener noch nicht in der Lage war, die wahre Dimension der Heimkinderproblematik zu erfassen.
Inzwischen ist nicht zuletzt durch das Buch des Spiegelautoren und eben einiger ex-Heimkinder ein öffentliches Interesse entfacht worden. Doch wurde den Anliegen der ehemaligen Heimkinder damit auch angemessen entsprochen?
Diese Frage werde ich am Beispiel des Anhörungsprotokolls zu erklären versuchen, zu dessen Anhörung der hessische Landtag am 29. Oktober 2009 eingeladen hatte.
www.ex-heimkinder.de/Dokumente/Protokoll-Hessische-Anhoerung.pdf


Bei der nachfolgenden Beantwortung dieser Fragen, bitte ich stets die Ausgangsbasis im Auge zu behalten, mit der sich die ehemaligen Heimkinder an die Öffentlichkeit / Bundestag wandten.
Dieses Anliegen wurde im Petitionsbeschluss vom 26. November 2008 in folgenden Punkten zusammengefasst:
www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2008/22815554_kw48_petitionen2/empfehlung.pdf

  1. Mit der Petition wird die Situation von Kindern und Jugendlichen, die in den Jahren 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland in verschiedenen öffentlichen Erziehungsheimen untergebracht waren, kritisiert.

  2. Es wird gefordert, Entschädigungsleistungen für die Betroffenen zur Verfügung zu stellen und Ihnen im Rahmen einer Anhörung im Deutschen Bundestag die Möglichkeit zu geben, ihre Heimerfahrung vorzutragen.

  3. Mit der Petition wird unter anderem die Berücksichtigung der von den Betroffenen in der Zeit der Heimunterbringung geleisteten Arbeit in der gesetzlichen Rentenversicherung gefordert.

  4. Weiterhin wird mit der Petition eine Entschuldigung des Deutschen Bundestages sowie eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik verlangt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Annahme und Überleitung der Petition an einen auf Bundesebene zu bildenden Runden Tisch, sowie der Aufforderung an die Landesregierungen, sich an opferorientierten Lösungen zu beteiligen, belegen hier bereits eindrucksvoll das fraktionsübergreifende Einvernehmen über das massiv an jungen Menschen verübte Unrecht, dem im gleichen Atemzug mit einer entschuldigenden Geste des gesamten Petitionsausschuss Rechnung getragen wurde.
"Der Petitionsausschuss sieht und erkennt erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen in der alten Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1945 und 1970 widerfahren ist und bedauert das zutiefst."

Unter diesem öffentlichen Druck, folgen nach anfänglich abweisenden Verlautbarungen alsbald auch auf Länderebene und Kirchen ähnlich lautende Bekundungen. Siehe Linkliste:

Landeswohlfahrtsverband Hessen.
www.wensierski.info/html/lwv.html

Diakonie Baden Württemberg:
www.diakonie-wuerttemberg.de/presse-aktuelles/pressemitteilungen/detailansicht/newsID/546/back/31/?tx_ttnews%5Bpointer%5D=11&cHash=77561c895e

Evangelische Landeskirche Hannover:
www.evlka.de/content.php?contentTypeID=4&id=11463

Diakonie Präsident entschuldigt sich bei ehemaligen Heimkindern für erlittenes Unrecht:
www.nw-news.de/owl/2947726_Diakonie-Chef_entschuldigt_sich_fuer_Gewalt.html

….gleichwohl er umgehend erste Hürden vor zu erwartenden Entschädigungsforderungen errichtete.
www.domradio.de/news/artikel_47027.html

Dass sich gerade die katholische Kirche mit ihren ausgewiesen martialischen Erziehungspraktiken besonders schwer tut, aufrichtige Entschuldigungsformeln zu finden, entspricht bekanntlich ihrem eigenem Traditionsverständnis - Stichwort - Unfehlbarkeitanspruch, dennoch……www.onlinezeitung24.de/article/661

… kam auch diese wenig barmherzige Institution nicht umhin, ihr zu verantwortendes Unrecht öffentlich einzugestehen, wenngleich diese Einsicht noch ausgesprochen halbherzig ausfällt:
www.welt.de/politik/article3220622/Kirche-bedauert-Misshandlung-von-Heimkindern.html

…und schon gar nicht als Bereitschaft für etwaigen Entschädigungsausgleiche verstanden werden will.
www.readers-edition.de/2008/09/21/ehemalige-heimkinder-was-macht-nun-die-caritas

Hingegen einige heimführende Stiftungen, wie die Evangelische Stiftung Volmarstein inzwischen um Mitleidbeteuerungen bemüht sind, die indes noch allzu oft inhaltsleer geblieben sind.
www.gewalt-im-jhh.de/-_Entschuldigung_ESV/-_entschuldigung_esv.html

Grüne erkennen Unrecht als solches an:
www.gruene-bundestag.de/cms/archiv/dokbin/180/180420.fraktionsbeschluss_heimkinder.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entgegen kalter Ignoranz bis offenen Widerständen, der den klageführenden Ex-Heimkindern zu Beginn im Suchen nach öffentlichem Gehör noch entgegenschlug, hat sich wie obige kleine Auflistung eindrucksvoll unter Beweis stellt, zwischenzeitlich ein erkennbarer Wandel im öffentlichen Unrechtsbewusstsein vollzogen. Wenngleich sich derzeit noch besonders kirchliche Verantwortungsträger, ähnlich wie affektierte Schwuchteln zieren, zuzugeben was längst alle Spatzen von den Dächern pfeifen.
Hier setzt sich im Abweisen ihrer Verantwortung, als auch Bereitschaft zur Buße und Wiedergutmachung die gleiche unheilvolle Systematik fort, mit der diese Institutionen die ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen einst im Namen Gottes quälten, demütigten und im wahrsten Sinn des Wortes missbrauchten.

Nun wer will es ihnen verdenken, wenn sie ihr Profil unversehens im beschämenden Spiegelbild als raffgierige und herzlose Höllenverwalter erkennen müssen.

Nein, Mitleid gebührt hier einzig und allein den Abertausenden jungen Menschen, die ungeachtet der Erfordernis ihrer Heimeinweisung, innerhalb ihrer Heimstätten geradezu zwangsläufig an Körper und Geist beschädigt wurden, um anschließend von erheblicher Unsicherheit und Unselbstständigkeit geprägt, nahezu unvorbereitet in die reale Welt ausgespuckt zu werden.
Bei diesem Hintergrund sollte es nicht überraschen, wenn viele von ihnen so orientierungslos, wie sie hungrig nach Leben und Anerkennung waren, später auf die schiefe Bahn gerieten, oder ihrer einsamen Trostlosigkeit selbst ein frühes Ende setzten.
Noch heute kämpfen nicht wenige ex-Heimkinder täglich darum, die verbliebenen Scherben an zerschlagener Lebensfreude zusammenzuhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So geht bereits aus dem Einladungsmotto: Unrechtsschicksale der Heimkinder der 50er- und 60er-Jahre eine erste unzulässige Herabwürdigung der Heimkinderanliegen hervor. Die ihr Leid nachweislich nicht nur innerhalb zweier Jahresdekaden beklagen, sondern wie es im Petitionsbeschluss richtigerweise heißt, die Mindestzeit von 1949-1975 umfasst.
Und nicht zu vergessen, harren die ex-Heimkinder der einstigen DDR ebenfalls ihrer "Geschichte" die genauso angemessen aufgearbeit gehört, wie das Schicksal der einst westdeutschen Heimkinder. Doch dazu bisher kein Ton. Oder wie war das mit der deutschen Mentalität des Wegschauens? Hier wiederholt sich deutsche Geschichte!

Entsprechend setzt sich die Ignoranz, Naivität oder Inkompetenz der eingeladenen Fachexperten wie ein reißfester Faden durch das knapp 100-seitige Anhörungsprotokoll weiter fort.
Die den Ansprüchen des Anhörungsvorsitzenden Dr. Andreas Jürgens in seiner Aussage kaum gerecht wurden,
zu überlegen wie: (wörtlich)
"Wir wollen überlegen, was der Hessische Landtag tun kann, um den Menschen - vielleicht spät,
aber immerhin - ein bisschen Genugtuung und Aufmerksamkeit zu verschaffen."

Hier offenbart sich einmal mehr die Denkweise in bester Gutsherrenart.
In der zum Ausdruck kommt, dass Herr Dr. Jürgens, oder gar der gesamte Landtag noch immer nicht begriffen haben, dass es nicht darum geht, den Heimkindern huldvoll ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, sondern dass es hier um unter staatlicher Aufsicht geführte Opfer eklatanter Menschenrechtsverstöße geht, die angesichts ihrer Schicksale heute ungeteilte Aufmerksam verdient haben, um danach zu suchen, wie sie schnell und angemessen für ihr erfahrenes Leid gemäß dem Petitionsbeschluss ENTschädigt werden können.

Nicht mehr und nicht weniger!

Soweit kann ich inzwischen auch Herrn Wensierskis (Autor des Buches "Schläge im Namen des Herrn") Argumentation folgen, der mir 2006 in Idstein erklärte, dass die einstigen Heimkinder vorrangig finanziell entschädigt gehören.


Aus dieser Perspektive lässt sich vielleicht erahnen, welch ein Kraftakt im Einsatz um öffentliche Anerkennung die Aufklärungsbemühungen der ex-Heimkindern darstellen, die häufig genug schwer traumatisiert, selbst kaum genug Kraft haben, den eigenen Alltag zu bewältigen.
Diese Leistung ist in höchstem Maße anerkennenswert, wenngleich mangelnde Dialogkompetenz und misstrauensbedingte Missverständnisse auch untereinander immer wieder zu hässlichen Disputen und Zerwürfnissen beitrugen.

Doch trotz aller Widrigkeiten ist es letztlich gelungen, das Thema Heimkinder öffentlich aufzugreifen, auch wenn es überraschend lange gedauert hat, bis auch auf Länderebene die Notwendigkeit erkannt wurde, der Empfehlung des Petitionsbeschlusses zu entsprechen, um mit eigenen Anhörungskommissionen dem runden Tisch in Berlin mit vertiefenden Informationen zuzuarbeiten.

Dem, (wir erinnern uns?) folgende Kernvorgaben zugrunde liegen:
  1. Anerkennung des erlittenen Leids und formale Entschuldigung durch den Bundestag.
  2. Die beklagte Heimzeiten wissenschaftlich aufzuarbeiten.
  3. Neuberechnung von Rentenversicherungsleistungen.
  4. Angemessene Entschädigunge.

Wenn ich mir nun das Anhörungsprotokoll des hessischen Anhörungsausschuss betrachte, der am 29.10.09 auf Einladung des hessischen Landtag stattgefunden hat, dann vermag ich nicht zu erkennen, in welcher Weise diese Anhörung den Interessen der Heimkinder entsprochen hat.
Denn egal ob die Anhörung als Vorprüfung zur Einrichtung eines runden Tisches auf hessischer Länderebene gedacht war, oder dem Petitionsbeschluss des Bundes Rechnung tragen sollte, - keines der Ziele wurde hier auch nur annähernd befriedigend erreicht.

Im Gegenteil, wenn die Veranstaltung nicht von gandenloser Naivität getragen wurde, dann drängt sich geradezu der Eindruck einer unverbindlichen Werbeveranstaltung in eigener Sache auf, um den bundesweiten Forderungen von ex-Heimkindern ein wenig Honig ums Maul zu schmieren und sie mit derlei Aktionen in Sicherheit zu wiegen.
So in dem Sinne, "seht doch, wie sehr wir uns um Euch Unwertige bemühen."
Real aber, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nur viel heiße Luft produziert wurde.
Weshalb die Veranstaltung schon bald einen geradezu lächerlich anmutenden Charakter annahm.

Nichts dergleichen, statt dessen wird in ähnlich abgehobener Naivität der zweifelhafte Erfolg des öffentlichen Aufrufs hervorgehoben, mit dem der hessische Landtag zuvor ehemalige Heimkinder aufforderte, sich bei diesem Gremium zu melden.
50 Stimmen, die dem Aufruf des Hessischen Landtags gefolgt sind als durchschlagenden Erfolg zu bezeichnen, stellt angesichts etwa 50000 ex-Heimkindern, die innerhalb dieser Zeit hessische Erziehungsanstalten durchliefen, nur noch eine weitere, der Lächerlichkeit anheimgegebene Brüskierung ehemaliger Heimkinder dar.
Hier hätte der Hessische Landtag, bei ernsthafterem Interesse, weit mehr Betroffene erreichen können, wenn dieser Aufruf durch alle Medien nachhaltiger an die Öffentlichkeit getragen worden wäre.
Dagegen fällt doch jede Rückrufaktion eines noch so simplen Büchsenöffnerherstellers weit professioneller aus!

Der Vormittag stand mit der Anhörung von 9 Betroffenen und dem bestechenden Fachvortrag von Herrn Professor Kappeler ganz im Zeichen ehemaliger Heimkinder.
Herr Prof. Kappeler ließ in seinem Resümee allen Verantwortungstragenden nicht den Hauch einer Chance, sich mit irgendwelchen windelweichen Ausflüchten ihrer Verantwortung zu entziehen. Denn die gewalttätige Heimerziehung war gemäß seiner Zusammenfassung unverkennbar systemrelevant. Wiewohl auch bewiesen ist, dass schon damals alle verantwortlichen Kräfte von der Unrechtmäßigkeit ihrer Tätlichkeiten, oder Tatenlosigkeiten wussten.

Hier ein Überblick zu den Redebeiträgen am Vormittag, von 10-13 Uhr

Einleitende Ansprache, gespickt mit ex-Heimkinderzitaten durch den Vorsitzenden.
Gefolgt von der exzellenten Systemanalyse durch Herrn Prof. Kappeler, (s. 12-24)
sowie Darstellung persönlicher Erfahrungen von ehemaliger Heimkindern.

Frau Renate Schmidt (s. 24-28) Mädchenheim Fuldatal Guxhagen-Breitenau
Herr Günter Klefenz: (s. 28-29) Säuglingsheim Neuwied, Kinderheime in: Bingen, Speyer, Idstein-Kalmenhof.
Herr Manfred Menke (s. 30-33) Idstein Kalmenhof, Freistadt
Herr Alexander Markus Homes (s. 33-37) Dortmund, St. Vincentstift
Herr Büchner (s. 37-40) Idstein, Kalmenhof
Frau Kempf (s. 42) Maberzell
Herr Heinz Schreyer (s. 42-44) Kinderheim Bethesta, Marburg, Idstein Kalmenhof,
Herr Kloos (s.44-45)

Diesen Vorträgen folgten später immer wieder Beteuerungen der Betroffenheit und Dankes, damit den Anwesenden die Augen für den unwürdigen Heimerziehungsalltag geöffnet zu haben. Inhaltslose Floskeln, wie ich meine.
Denn angesichts der Tatsache, dass die Heimkinderproblematik wenigstens seit 2006 ein öffentliches Gesprächsthema ist, muten solche Betroffenheitsadressen recht heuchlerisch an, wenn jene, die sich hier zusammengefunden hatten, es nicht mal für nötig erachteten, sich auch schon mal vorab mit diesem Thema zu befassen.

Typisch deutsche Mentalität des Wegschauens, wie auch jene Aussage belegt, die mir gerade heute wieder durch eine weitläufige Bekannte zuging. In der sie sich, zum Problem der ehemaligen Heimkinder folgend äußert:
"Mir geht so etwas auch total unter die Haut und würde ich noch mehr davon wissen, könnte ich das auch nicht verdrängen oder gar vergessen."
Was im Klartext übersetzt heißt: Um sich mit derlei Scheiß nicht unnötig zu belasten, werden halt nach alter Tradition schön alle Augen vor sichtbaren Problemen verschlossen.
Hierzu kann ich nur sagen, dass ich nach meinem Verständnis sowohl von allen eingeladenen Abgeordneten als auch Experten die Erwartung geknüpft hätte, sich im Vorfeld solch einer wichtigen Anhörung an zugänglichen Stellen über dieses Thema kundig zu machen.
Dies wäre für mich ein erkennbares Zeichen des Willens einer ernsthaften Auseinandersetzung gewesen, die bei so manchen Teilnehmenden offensichtlich noch nicht weit ausgebildet war.
Zudem, dies wurde einzig von der Betroffenen (Frau Kempf s. 41) sehr passend formuliert, fehlte es bei dieser Anhörung an psychologischen Experten, die den anwesenden Gästen und Abgeordneten besser mal die Folgeauswirkungen der repressiven Heimerziehungspraktiken vor Augen geführt hätten, unter denen heute noch viele ex-Heimkinder leiden und damit die Tiefe an Beschädigungen zu benennen, die im logischen Umkehrschluss auch zu entsprechend angemessenen ENTschädigungen führen sollte.

Ein durchweg zentrales Thema am Runden Tisch in Berlin.
Doch ausgerechnet zu Entschädigungsfragen blieb es hier auf hessischer Landesebene ausgesprochen, ja geradezu hilflos anmutend still. Was mich nicht weiter verwundert, wenn man sich über die geradezu konspirative Nähe zwischen unseren Kirchen, Staat und Politik im Klaren ist und im Sinne, dass eine Krähe der anderen nicht die Augen aushackt, alle Parteien darauf bedacht sind, sich nicht gegenseitig zu schädigen.

Entsprechend äußerst sich der Caritasvertreter zur Entschädigungsfrage betont zurückhaltend: s.73
"Hinsichtlich der Frage von Entschädigungsleistungen ist unseres Erachtens das Ergebnis des Runden Tisches abzuwarten. Wir hoffen da auf einen weisen Ratschluss."

Eine nahezu identische Antwort auf diese Frage auch von der Diakonievertretung: s. 75
"Die Frage der Wiedergutmachung muss auf der Bundesebene entschieden werden. Hier sind die Ergebnisse des Runden Tisches abzuwarten."

Ein BRAVO für die an die Kirchenvertreter gerichtete Zwischenfrage des Vorsitzführenden Herrn Dr. Jürgens, der damit deutlich das erbärmliche Taktieren der Kirchen in Entschädigungsfragen bloßstellte: s. 80 wörtlich:
"Der zweite Punkt: Herr Hartmann-Lichter hat gesagt und Frau Höhmann in ähnlicher Weise, Entschädigungsregelungen werde ja der Runde Tisch irgendwann vorschlagen. Gibt es denn irgendetwas, was Sie inzwischen als Ihren eigenen Beitrag für eine Entschädigungsleistung angeboten haben? Das würde die Entscheidungsfindung des Runden Tisches ja vielleicht erleichtern."

Sehr aufschlussreich ist hier der Abschnitt "Nachfragen" zum Lesen zu empfehlen (s. 80-84)

Aber immerhin lässt die Bundestagsabgeordnete, Frau Rupprecht, (s. 45-49) als ständige Vertreterin am Runden Tisch in Berlin recht glaubwürdig durchblicken, wie intensiv nach brauchbaren Entschädigungsmodellen gesucht wird, um möglichst allen Betroffenen gerecht zu werden. Wenngleich ihr Hinweis von 1,66 Millionen geschädigten Zwangsarbeitern, die sich eine Gesamtentschädigungssumme von 4,37 Milliarden D-Mark teilen mussten, offenbar als Hinweis darauf verstanden werden will, dass die von Heimkindern öffentlich eingeforderte Entschädigungssumme von etwa 25 Milliarden Euro, gemäß ihrem Verständnis wohl zu hoch gegriffen ist.
Aber gut, hier heißt es erst einmal abwarten, welche Modelle später vom Runden Tisch in Berlin vorgeschlagen werden.

Wer glaubte, die eingeladen "Experten" würden nun den vorgegebenen Fragen des Petitionsbeschluss folgen, wie ex-Heimkindern Genugtuung, Entschuldigung und Entschädigungen teilhaft werden könnten, sieht sich im Weiteren einmal mehr getäuscht.

Nahezu ausnahmslos erschöpften sich alle weiteren "Experten" mit erklärenden Ausflüchten darüber, (Hier fielen mir die Vertreterin (s. 67-70) des hessischen Wohlfahrtsverband, als auch der Caritasvertreter (s. 71- 74) und Herr Dr. Dr. Sölling (s. 77-80) Leiter des Vicenzstift Aulhausen, besonders unangenehm auf.), wie es zu den beklagten Zuständen kommen konnte und was man alles zu tun gedenkt, um künftigen Heimkindern ähnliche destruktive Heimerfahrungen zu ersparen.
Durchweg anerkennenswerte Absichten, die jedoch einer opferorientierten Anhörung nicht mehr gerecht wurden, da hiermit die Anliegen der Betroffenen einmal mehr aus dem Zentrum der Betrachtung glitten. Gerade gut genug. um in dieser Inszenierung den Part unbeteiligter Nebenrollen zu erfüllen, während sich alle anderen in den Ergüssen ihrer neuzeitlichen Leistungen und künftigen Absichten gefielen.

Ähnlich fragwürdig erachte ich in diesem Zusammenhang die Angebote der Kirchenvertreter betroffene Heimkinder seelsorgerisch zu begleiten und therapeutisch zu unterstützen.
Haha, was für eine bittere Ironie.
Ausgerechnet diese Täterinstitutionen, die ihren Opfern bislang am hartnäckigsten Widerstand leisteten, um sich kaltherzig vor allen moralisch zustehenden Entschädigungszahlungen zu drücken, versucht sich nun, diesem gelittenen Personenkreis mit unglaubwürdigkeitsumhüllten Dienstleistungen anzubiedern?
Unmoralischer kann sich die Kirche hier kaum mehr blamieren.
Ist ja geradeso als wollten Kirchen den Teufel mit dem Belzebub austreiben.

Hier muss die Frage erlaubt sein, was das für ein Geist ist, der diese Organisationen umtreibt.
Denn wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, Gott gegenüber Schuld zu bekennen, wenn sie für unzähliges Leid in Verantwortung stehen, aber nicht mal bereit ist, ihren irdischen Mitbürgern gegenüber diese Schuld einzuräumen?

Wenn Sie nur ein Funken Glaubwürdigkeit besäßen, dann würden sie sich angesichts ihrer langen Schuldhistorie am besten gleich in aller Stille selbst auflösen, statt über zweifelhafte Präventionsbemühungen zu schwadronieren, die ungeeignet bleiben, um Kinder nachhaltig vor Gewalt zu bewahren, sondern den Kirchen im engen Schulterschluss staatlicher Zuträgerverwaltungen mit der "Betreuung" neuzeitlich geschädigter Kinder und Jugendlicher auch weiterhin sprudelnde Einnahmen ihrer verdeckten Kassen sicherzustellen.

Angesichts dieser blasierten Selbstinszenierungen, von denen ich Herrn Professor Kappeler und natürlich die Betroffenen selbst ausdrücklich ausnehmen möchte, kann sich vermutlich jeder selbst die Frage beantworten, wem diese Anhörung etwas gebracht oder geholfen hat?

Wenn stimmt, was mir erst kürzlich bekannt wurde, (ab der 10. Minute) dann hat der runde Tisch in Berlin, längst jeden Funken an Glaubwürdigkeit verloren!
Nicht nur etwa, weil die Verantwortlichen des runden Tisches, einzig Vertreter des Vereins ehemaliger Heimkinder (VeH) als Verhandlungspartner am runden Tisch akzeptieren wollten, sondern den Verein sofort mit der Forderung binnen sieben Tagen die drei Vertreter für den runden Tisch zu benennen, unzulässig unter Zeitdruck setzten.
Denn nachvollziehbar war es dem VeH innerhalb der kurzen Frist gar nicht möglich ein entsprechendes Votum der Mitgliederbasis einzuholen, weshalb provisorisch, drei vorläufige VeH-Vertreter mit der schriftlich fixierten Option an den runden Tisch nach Berlin entsandt wurden, diese später gegen autorisierte Vertreter austauschen zu dürfen.
Was am Ende daraus wurde, kann meiner Ansicht nach nur als offener Betrug und erkennbare Kungelei von Kirche und Staat gegen die Heimkinderinteressen bezeichnet werden.
Oder wie soll der unglaubliche Vorgang beurteilt werden, in der die Vorsitzende des runden Tisches dem führenden VeH-Vertreter in zwei geheimen Treffen die Zusage abrang, keine Gesprächsinhalte vom runden Tisch nach außen zu tragen, ja nicht einmal innerhalb des VeH-Vorstand besprechen zu dürften? ? ? - ! ! !
Und anschließend die getroffene Vereinbarung brach, die vorläufigen Vertreter durch basisautorisierte Heimkindervertreter auszutauschen
! ! ! !
Womit es organisierten, als auch nichtorganisierten Heimkindern unmöglich gemacht wurde in irgend einer Weise aktiv Einfluss auf die Gespräche am runden Tisch auszuüben. Ja quasi kalt ausgesperrt wurden und damit erneut zutiefst gedemütigt werden, wenn sie nun nur noch die Beschlüsse abwarten dürfen, die in einer unheilvollen Komplizenschaft zwischen Kirche und Staat hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden.

Angesichts der drei als passive Statisten verbliebenen Heimkindervertretern, denen am runden Tisch in Berlin, eine Armada hochstudierter Rechtsspezialisten gegenübersitzen, wird in diesem Rahmen doch wohl kaum jemand ernsthaft ein ausgewogenes Interessengleichgewicht attestieren wollen.

Die selbstgefällige Ignoranz spiegelt sich gleichfalls im jüngsten Schriftverkehr wieder, in dem ich dem runden Tisch anhand meiner persönlichen Erfahrungen und weiterer Ergänzungen die Systemrelevanz der gewalttätigen Heimerziehungspraxis darzustellen versuchte.
Ein durchweg naives Unterfangen, wie ich inzwischen weiß.
Statt auf dieses Schreiben inhaltlich einzugehen, bekam ich heute einen gröblichst standartisierten Fragebogen zugesandt, den ich doch bitte ausgefüllt an den runden Tisch zurücksenden sollte.
Kaum vorstellbar, dass an diesem Fragebogenentwurf ehemalige Heimkinder beteiligt wurden, sonst wären die Fragen sicher betroffenengerechter ausgefallen.
Kann sich hier jeder selbst ein Bild von machen und im Bedarfsfall auch gleich ausgefüllt den Gutsherrenmenschen nach Berlin senden.
http://www.ex-heimkinder.de/Dokumente/runder-Tisch-Fragebogen.pdf

Wer meint, dass es sich hierbei lediglich um bedeutungslose Momentaufnahmen handelt, der verkennt wie wichtig Glaubwürdigkeit und Vertrauen als entscheidendes Kriterium für eine aufrichtige und ehrliche Geschichtsaufarbeitung steht.
Diese Attribute vermag ich aufgrund der Fülle ignoranter Formalien und fehlender Bereitschaft sich ernsthaft mit den Folgeschäden gewalttätiger Kindheiten zu beschäftigen, noch nicht zu erkennen.
Denn damit wären:
  1. Die Voraussetzungen geschaffen, um Entschädigungsansprüche mit gebotener Eile und Ehrfurcht vor dem erlittenen UNRECHT zuzuteilen.
  2. Würde die Gesamtheit aller Gewalterfahrungen verstärkt dazu beitragen, nach echten Präventionsmöglichkeiten zu suchen, um künftige Kinder nicht nur vor fremdbestimmten Heimeinweisungen zu beschützen, sondern besser noch gesellschaftsübergreifend nach Lösungen zu suchen wie alle Menschen vor kapitulierenden Überforderungssituationen bewahrt werden könnten.

Eine Aufgabe die im Rahmen der runden Tische, bzw. Wahrheitsfindungskommissionen die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen könnten. - Wenn es darum geht aus der Geschichte zu lernen und darauf aufbauend eine Gesellschaft von in sich selbst ruhenden Menschen zu begründen.
Doch daran scheinen in diesem Land weder Kirchen- noch Staatsverantwortliche interessiert zu sein, weil sich lieber alles um´s Goldene Kalb - Wirtschaft und Kapital - drehen muss, statt die Lebensqualitäten aller Menschen spürbar zu verbessern.

Klaus Klüber
16. 1. 2010