Heimkind Oerni

Hier stellt ihr euch vor. Kein Zwang, aber wäre doch ein netter Anfang.

Moderator: Klaus

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Oerni
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Heimkind Oerni

Beitragvon Oerni » Fr 22. Apr 2011, 23:38

Guten Abend,

Nun meine Heimzeit begann schon bei meiner Geburt, denn ich bin in einem Heim geboren und dort blieb ich die ersten drei Jahre und es war das Frauenheim Wengern/Ruhr, ein Erziehungsheim. Danach kam ich in das Heim „Gotteshütte“ wo auch Klaus war, allerdings war er dort später als ich und wir hätten uns dort auch sicherlich niemals kennen gelernt, weil Jungens und Mädchen getrennt waren und ich kann mich auch nicht erinnern, dass es Anlässe gab zusammen zu kommen. Das finde ich jetzt im Nachhinein sehr schade und auch unnatürlich. Mit etwas über 6 Jahre hatte mich meine Mutter aus dem Heim geholt, aber vorher hatte sie mich nie besucht, so dass ich sie gar nicht kannte. Ich hatte Zuhause eine schreckliche Zeit gehabt, mit sehr viel Gewalt und ich wundere mich noch heute, dass ich es 13 Jahre ertragen habe. Vielleicht haben mich die Jahre vorher im Heim dahingehend geprägt so viel zu ertragen, aber als ich 18Jahre wurde habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich bin von Zuhause weggegangen und meine Tante wohnte in der Nähe und ich ging zu ihr. Es war an einem Samstag und am Montag bin ich dann zum Jugendamt gegangen. Dort wurde mir gesagt, dass ich zurück zu meiner Mutter sollte und es half auch nicht, dieser Frau K zu sagen, dass meine Mutter mich schon mehrmals versucht hat umzubringen und ein sehr gewalttätiger Mensch sei. Viele Nachbarn hätten das bestätigen können, aber das interessierte diese Frau überhaupt nicht. Sie sagte „entweder gehst Du nach Hause oder kommst in einem Heim“. Nun damals war ich so naiv zu glauben, dass ich vielleicht in so eine Art Mädchenwohnheim komme und das fand ich nicht so schlimm. Die Fürsorgerin hatte es auch so zum Ausdruck gebracht und vorübergehend kam ich in ein katholisches Heim in Bottrop. Ich schöpfte kein Verdacht, weil ich weiter arbeiten ging und dort nicht gefangen gehalten wurde. Nach ein paar Wochen holte mich die Fürsorgerin ab und wir fuhren mit dem Auto-so wie ich glaubte- zu einem Mädchenwohnheim. Noch heute wundere ich mich, dass ich so gar keine Fragen gestellt habe, aber ich hatte die letzten Wochen viel erlebt und so viel Neues war auf mich eingestürmt, dass ich auch wenig Kraft hatte mich auf mein „neues Zuhause“ einzustellen. Als wir dann in Werther ankamen und sich die Tür für immer hinter mir schloss wurde mir klar wo ich gelandet bin, nämlich in einem Erziehungsheim mit dem harmlosen Namen: „Waldheimat“. Nun hätte ich das vorher gewusst, wäre ich sicherlich geflohen aber nun war es zu spät. Das soll fürs erste reichen, aber noch eines. Ich war hier im Forum schon einmal vor ein paar Jahren unter dem Namen Erika. Nun ja, dann hatte ich Streit mit Klaus, aber das ist lange her und Klaus und ich haben auch schon längere Zeit wieder Kontakt, so dass nichts dagegen spricht wieder hier zu sein. Liebe Grüße besonders an Dich Klaus von Oerni :icon_winken

sazeni
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Re: Heimkind Oerni

Beitragvon sazeni » Fr 22. Apr 2011, 23:53

:icon_hallo Ich freue mich :icon_stark Herzlich Willkommen zurück Oernie :icon_hallo
lg.sazeni
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Jeder Tag ist ein neuer Tag!
Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken, ist gedankenloses Denken.

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Klaus
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Re: Heimkind Oerni

Beitragvon Klaus » Sa 23. Apr 2011, 07:27

:icon_hallo und guten Morgen Oerni :icon_winken

Selbstverständlich spricht nichts dagegen, nun auch wieder dieses Forum zum gemeinsamen Gedankenaustausch zu nutzen. Schließlich sind wir längst wieder miteinander im Gespräch. :icon_freu
Und zwar weit intensiver, verständnisvoller und kreativer als je zuvor. Gleiches gilt für eine ganze Reihe anderer früherer Teilnehmer/innen.
Ich würde mir nur zu gern wünschen, wenn alle Menschen in ähnlich positiver Weise über frühere Missverständnisse oder Fehler stehen könnten. Aber so weit sind wir halt noch nicht, bzw. muss noch einiges geschehen um ein empfindlicheres Gespür für die Belange unserer umgebenden Welt zu erzielen. Umso mehr freue ich mich, dass wir wieder zu einer gemeinsamen Sprache gefunden haben.

Was unser gemeinsames Heim Gotteshütte betrifft, darf ich Dich ein wenig korrigieren.
Zumindest was meine Zeit von 64-74 betrifft, so waren die Gruppen/Stationen zwar richtigerweise zwischen Jungen und Mädchen getrennt, doch waren Kontakte unter den Gruppen durchaus üblich. (Ausnahme die großen Mädchen)
In jungen Jahren wohl etwas weniger, dafür später umso mehr. ;-))
Immerhin sind wir in den Sommerferien ja auch gemeinsam in Urlaub an die Nordsee nach Cuxhafen, oder in den Harz nach St. Andreasberg gefahren. Auch gingen wir gemeinsam in die Heimschule, oder es fanden gemeinsame Discoabende statt, oder spielten auf dem Heimgelände miteinander.
Vermutlich ist Dir das nur nicht aufgrund Deines jungen Alters aufgefallen, wenn sich Dein Leben dort überwiegend in der betreuten Gruppe der kleinen Mädchen abspielte.
Von daher gab es in der „Hütte“ meines Wissens nach keine der gestrengen Geschlechtertrennungen, wie sie aus überwiegend katholischen Einrichtungen bekannt wurden.
Dennoch war das Personal auch hier überforderungsbedingt, oder aus Mangel an pädagogischer Befähigung kaum weniger gewalttätig, wie in allen Heimen jener Zeit.
Nur war mir dies lange Zeit nicht bewusst, weil ich wiederum von Haus nichts besseres gewohnt war und mir insofern selbst die dortige Gewalt relativ normal vorkam.
Dennoch gibt es Episoden die man nie vergisst. Etwa als mich dort meine Mutter ablieferte.
Während sie im Büro noch irgend etwas mit dem Heimleiter Thümmel zu besprechen hatte, schickte er mich zum Bauernhof hoch, um mir dort die Tiere anzusehen.
Doch kaum, dass ich mich dort verschüchtert im Schweinestall umsah, tauchte auf einmal der Bauer Kruse auf und ohne lange zu fackeln hatte ich meine erste gepfefferte Ohrfeige weg.
Denn normalerweise war uns Kindern der Aufenthalt dort verboten und der Kruse wusste ja nichts davon dass ich vom Thümmel dort hoch geschickt worden war.
Tja, das war damals dort mein Einstand. :traurig
Und wiederholte sich später mit meiner späteren Gruppenerzieherin Schlattmeier, die damals gerade alle in den Ferien in Cuxhafen waren.
Kaum dass sie zurück waren und ich dieser Gruppe zugeteilt wurde, bekam ich auch von ihr sofort eine gepfeffert. Warum weiß ich heute zwar nicht mehr. Aber diese Episode hielt sie mir später immer mal wieder triumphierend vor, um aufzuzeigen, wie gut mir diese Ohrfeige getan hätte,“ nach der wir uns dann so gut verstanden hätten“.
Oh manno, wenn ich daran denke, dass Kinder schon zur damaligen Zeit in Heimen nicht mehr körperlich gezüchtigt werden durften und dennoch drauflos geprügelt wurde was das Zeug hergab, da können sich die verantwortlichen Damen und Herren heute freuen, wie sehr wir unsere „gute Erziehung“ verinnerlicht haben.
Naja, nicht für Ungut.
Also willkommen zurück Erika/Oerni und natürlich auch ein herzliches :icon_hallo auch an Sazeni :icon_winken
Eine gerecht Welt fängt damit an, unsere Mitmenschen an unserer eigenen Lebensfreude teilhaben zu lassen.

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Re: Heimkind Oerni

Beitragvon Oerni » Sa 23. Apr 2011, 21:40

Hallo sazeni und Klaus,

vielen Dank für Eure freundliche Begrüßung und ich freue mich auch auf den Gedankenaustausch. :icon_stark Klaus Du warst ja eine sehr lange Zeit in der Gotteshütte, allerdings doch erheblich später, aber dass dieser Bauer Kruse Ohrfeigen erteilen durfte finde ich doch ein starkes Stück. Ja meine Erinnerungen beschränken sich auf wenige Begebenheiten, die sich aber in meiner Akte durchaus wieder spiegeln. Die Geschlechtertrennung weiß ich auch nur von zwei anderen Ehemaligen, die auch berichtet haben, dass die Jungens damals nur bis zum 11. Lebensjahr in der Gotteshütte verblieben. In die Heimschule bin ich noch nicht gegangen, aber das ist so eine Begebenheit an die ich mich noch genau erinnere. Dass eine Erzieherin mir die Schule zeigte und meinte, dass ich bald dort hin käme und ich mich auch freute. Vor etwa zwei Jahre habe ich die Gotteshütte besucht und die Frau Kruse lebt wohl noch, denn Herr Dippel rief sie an um zu fragen wo die kleinen Mädchen untergebracht waren, das wusste er nicht. Er zeigte mir erst ein Haus und in diesem waren auch die Jungens untergebracht und führte mich bis ganz nach oben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass kleine Kinder so hoch oben gewohnt haben und daraufhin rief er diese Frau Kruse an. Sie wusste noch genau wo die kleinen Mädchen untergebracht waren, leider konnte ich das Haus (Nebengebäude vom Haupthaus) nicht besichtigen, weil da gerade umgebaut wurde. Nun ich habe ein Foto von diesem Heim, das im Auftrag meiner Mutter gemacht wurde, als sie sich zum ersten Male nach 6 Jahren überhaupt gemeldet hat. Da haben wir dann lange gesucht genau diese Stelle wieder zu finden und nun nach 50 Jahren erneut ein Foto zu machen. Insgesamt war dieser Besuch sehr abenteuerlich, aber das ist eine andere und längere Geschichte –vielleicht ein anderes Mal mehr dazu.
Nun wünsche ich Dir und sazeni noch ein schönes Osterfest mit viel :icon_super
ich habe Dienst über Ostern

Liebe Grüße Oerni

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Re: Heimkind Oerni

Beitragvon Klaus » So 24. Apr 2011, 06:31

Hallo Oerni

Na da hat sich doch tatsächlich noch ein Fehlerteufel eingeschlichen.
Denn in der "Hütte" war ich von 67-74 doch „nur“ 7 Jahre zu Gast. Davon 4 Jahre in der Heimschule, die den Namen Lutherschule trug.
Kann mich noch gut daran erinnern, dass im Klassenraum gleich drei Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurde. Später hatten wir dann andere Unterrichträume in der auch die Klassen getrennt waren. Die Lehrerin Ranke führte dort ein wahrlich drakonisches Schreckensregiment.
Meine Güte, was die uns an den Haaren herumgezehrt, die Ohren bis zum knacken verdreht und hemmungslos auf uns Kinder eingeschlagen hat, kann man kaum beschreiben. In der Rückschau fällt mir zu diesen ganzen Vorgängen nur die Begrifflichkeit der Dressur statt Erziehung ein.
Nee, das waren schon echt harte Zeiten. Ich kann über Dein Erstaunen, dass auch der Bauer hinlangen durfte nur schmunzeln. Mir stellt sich da eher die Frage, wer denn nicht zuschlagen durfte?
Gerade der Bauer Kruse, kam, wenn wer herumschrie manchmal sogar auf die Station hoch um mit entsprechendem Nachdruck für Ruhe zu sorgen. :traurig
Und wehe wenn Du von dem auf dem Bauernhof erwischt wurdest. Denn ja trotz aller Verbote fanden wir damals die Tierställe zu reizvoll, um dort nicht mal vorbeizuschauen. :icon_gruss
Der Heu und Strohboden, war ja erst so richtig ein Abenteuerspielplatz für uns.
Mit Tunneln, in die selbst der Kruse nicht mehr gekommen ist. Natürlich war das Ganze nicht ganz ungefährlich, aber weniger wegen den Einsturzgefahren, als vielmehr erwischt zu werden.
Denn dann schlug der Kruse richtig mit ner Latte zu, dass man kaum mehr sitzen konnte.
Sowas würde heute in jedem Fall umgehend als schwere Kindesmisshandlungen vor dem Kadi landen, aber damals war es völlig normal, dass draufgehauen wurde.
Selbst der Sohn vom Sportplatzwart, (ich meine der hieß Ralf Heistermann ) der nur ein paar Jahre älter als ich war und bei uns auf Station als Praktikant oder Hilfserzieher eingesetzt war, durfte uns noch 1973 Ohrfeigen verpassen.
Auf der anderen Seite, gab es aber durchaus Erziehungskräfte die ohne Gewalt auskamen.
Ich erinnere mich an einen relativ jungen Erzieher, der Kinder, wenn sie wütend aufeinander losgingen (die meiste Gewalt/Machtkämpfe fanden ja ohnehin zwischen uns Jugendlichen statt, das darf man nicht aus dem Blick verlieren. ) einfach so lange fest umarmte bis sie sich beruhigt hatten.
Fand ich damals sehr ungewöhnlich, wie natürlich auch unangenehm, wenn man ohnehin auf Berührungen empfindlich reagiert. Aber die Methode war offensichtlich recht effektiv.

Was die kleinen Mädchen betrifft, da kann ich nur vermuten, dass die früher rechts (vom Büro aus gesehen) im angrenzenden Gebäude mit der Turmuhr untergebracht waren, wo später die Schulräume eingerichtet wurden.
Oder war es doch das Gebäude neben der kleinen Turnhalle und dem Schlachtraum.
So viel haben uns kleine Mädchen damals wohl noch nicht interessiert. Dafür kann ich mich besser daran erinnern, wie die zwei Doppelhäuser gebaut wurden und dort nur Mädchen einzogen.
Da waren wir später als Jungen dann natürlich öfter zu Gast.
Da wundere ich mich im Nachhinein schon etwas, mit welcher Freizügigkeit uns damals der gemeinsame Umgang ermöglicht wurde.
Also das war meiner Erfahrung nach völlig ungezwungen, auch wenn sich daraus immer mal wieder neue Liebschaften ergaben. Man ging zusammen. Knutschte miteinander, aber richtig Sex, oder gar sexuelle Übergriffe gab es damals meines Wissens nach nicht.
In dieser Beziehung scheint es in heutigen Heimen regelrecht drüber und drunter zu gehen.
Tja, das ist wohl der Tribut der Aufklärung, die damals natürlich noch sehr zu wünschen übrig ließ.
Dafür fanden sich bei uns auf der Rückseite des Knabenhauses sehr häufig Rocker und anderes zwielichtes Gesindel ein, um den großen Mädchen über uns zu imponieren.
Lachhaft, weil die ja gar nicht raus konnten. Die waren ja stets eingeschlossen.

Ach da fällt mir gerade noch eine Geschichte ein.
Haha, wir waren damals ja noch im Erdgeschoss untergebracht. Da gab es keine Fenstersicherungen.
Also sind ein paar (harmlose) Abenteurer wie ich und einige andere es waren, hin und wieder nachts
zum Fenster raus (Einmal sogar bis nach Bückeburg) und haben uns einfach mal in der Siedlung umgeschaut, was so in den Garagen zu finden war. Einmal haben wir ein Fahrrad gefunden, mit dem wir abwechselnd mal ne Runde gedreht haben. Einer von uns ist damit dann versehentlich gegen eine Mülltonne gefahren, die an einer abschüssigen Wegkreuzung stand.
Die kippte um und rollte damals noch aus Metall mit einem riesem Getöse die Straße runter. :icon_gelaechter
Oha, was haben wir nachher gelacht. Vorher sind wir natürlich gerannt wie die Teufel.
Zurück ins Heim und mit Klamotten ins Bett gelegt.
Am nächsten Tag haben wir vom Thümmel ein paar ordentliche Watschen gekriegt, obwohl der wohl eher geahnt als gewusst hat, wer für diesen Frevel verantwortlich war.
Woran erkennbar wird, dass es trotz aller bedrückenden Begleitumstände dennoch auch mal etwas zu lachen, oder zu erleben gab.
Sodele, sofern Dir etwas an Ostern liegt wünsche ich Dir und allen Mitlesenden noch schöne Feiertage. Ich als Feiertagsmuffel werde mich statt dessen gleich mal wieder los machen, um in einer wahnsinnig zeitraubenden Puzzelarbeit endlich auch die Wände unseres Hauseingangs weiter mit Steinriemchen zu fliesen.
Mit lieben Grüßen zurück :icon_winken
Klaus
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