Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Verantwortung im Spiegelbild der Realitäten.

Moderator: Klaus

Klaus-alt
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Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:23

Geschrieben: 27.07.2008 23:06

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Liebe User

Über den nachfolgenden Artikel, den ich der Länge wegen nur als Link


> > > Bildungsnotstand < < <
http://www.ex-heimkinder.de/Bildungsnot.htm


darstellen möchte, habe ich wirklich lange Zeit gebrütet und hoffe damit die wichtigsten Aspekte bildungspolitischer Versäumnisse und hoffnungsvoller alternativer Ideen plausible dargelegt zu haben.
Selbstverständlich konnte ich ein so umfassender Thema nicht detailliert darstellen, denke und hoffe aber auf diesem Weg noch genügend ergänzende Anregungen zu erhalten, um diese Darlegungen ergänzend abzurunden.
Und klar bin ich auch auf Euer Feedback und eventuelle Unterstützung gespannt.
Mit lieben Grüßen
Klaus

Klaus-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:24

Geschrieben: 28.07.2008 12:37
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Tja, was für ein Zufall. Da erscheint genau zum passenden Augenblick in unserer Regionalzeitung der nachfolgender Artikel, um in beeindruckender Klarheit aufzuzeigen, dass uns andere Länder wie Finnland bildungspolitisch längst hinter sich gelassen haben.
Während sich in unserem Land die Schüler/innen noch immer durch ein mehrgliedriges Schulsystem quälen, dass allenfalls dazu geeignet ist um distanzierende gesellschaftliche Schranken aufrecht zu erhalten, tummeln sich finnische Schüler/innen schon lange entspannt und wohlgelaunt in "ihren" Schulen.

Von den geschilderten Zuständen, können deutsche Schüler/innen nicht einmal annähernd träumen, weil unsere Beamten in ihren Amtsstuben noch immer in ihrem selbstgerechten Schlaf liegen und lieber am alt bewährten Zöpfen festhalten, statt innovativen Gedanken Platz zu machen.
Es ist ein Trauerspiel, wenn man bewusst zur Kenntnis nehmen muss, wie unser Land und vor allen seine Bürger/innen Dank eines unbeweglichen ministralem Beamtentums seiner fortschrittlichen Möglichkeiten beraubt wird.
Hier ist jeder einzelne Bürger/in gefordert sich für längst überfällige Reformen stark zu machen.

So und hier die mutmachenden Botschaften aus Finnland.

Meldung vom 28. 07. 2008
"Einführung des warmen Mittagessens war die wichtigste Reform"

Bildungspolitik: Finnische Pädagogin Kati Jauhiainen stellt den Schulalltag in ihrer Heimat vor - Auf Einladung von Simone Tolle in Marktheidenfeld

Kati Jauhiainen, finnische Diplompädagogin, spricht von Liebe zu den Schülern und dass es keine unbegabten Kinder gäbe. Das Ergebnis der Pisa-Studie habe man in Finnland nicht sonderlich gewürdigt. Erst als hunderte Delegationen ins Land kamen, sei den Finnen bewusst geworden, dass ihr System etwas Besonderes haben muss. Es sind nicht nur die pädagogischen Kniffe, es fängt schon bei einem warmen Mittagessen an. "Das war die wichtigste Reform", sagt Jauhiainen.

Schulen seien Begegnungsstätten. Die Schüler machen Praktika bei allen Berufsgruppen, die in einer Schule tätig sind, vom Koch bis zum Putzfrau. "Alle Beschäftigten einer Schule fühlen sich für die Kinder verantwortlich und tauschen sich einmal pro Woche aus. So lernen die Schüler, dass jeder wichtig ist und dass es auf die Leistung eines jeden ankommt."

Kinder werden mit sieben Jahren eingeschult und gehen neun Jahre auf eine Gesamtschule. "Woher weiß man schon nach der vierten Klasse, welchen Weg ein Kind einschlägt", sei die entsetzte Frage finnischer Pädagogen, wenn sie mit dem dreigliedrigen Schulsystem in Deutschland konfrontiert würden. Alle Kinder, vom körperlich oder geistig Behinderten bis zum Hochbegabten, sind an einer Schule zusammen. "Von Elite sprechen wir übrigens nicht", merkt die Finnin an.

Was wie im Märchen klingt, scheint zu funktionieren. Das Erfolgsgeheimnis: "Jedes Kind hat seine Stärken", so die Bildungsexpertin, die in Berlin lebt und familiäre Beziehungen nach Unterfranken hat. Wie erfolgreich das Konzept ist, sieht man daran, dass 94 Prozent aller Schüler nach der neunten Klasse mit der Schule weitermachen.

Auf eineinhalb Stunden Unterricht folgt eine halbstündige Pause, die die Kinder in der Regel draußen verbringen. Außerdem lerne jedes Kind zwischen drei und sechs Sprachen. Ausländerkinder hätten ein Recht auf Schulstunden in ihrer Muttersprache. "So kommt es, dass es in Helsinki Schulen gibt, in denen bis zu 30 Sprachen unterrichtet werden. Und wenn ein Kind in Lappland Chinesisch lernen will, wird es per Videokonferenz mit einer Schule verbunden, wo es Chinesisch-Unterricht gibt."

Jauhiainen legt Wert auf die Feststellung, dass dieses Schulsystem nicht vom Himmel gefallen sei. "Wir haben in den 60er Jahren hart dafür gekämpft", sagt die Pädagogin.

"Was kann ich aus Ihren Schilderungen auf meinen Alltag übertragen?", fragt eine Lehrkraft nach konkreten kleinen Schritten, die sich unabhängig von den politischen Rahmenbedingungen umsetzen lassen. "Ich will nicht darauf warten, dass in Franken finnische Verhältnisse herrschen." Renate Englert
Quelle:
http://www.main-netz.de/nachrichten/pol ... 207,453048

Zwergenkönig-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Zwergenkönig-alt » So 12. Dez 2010, 09:25

Geschrieben: 28.07.2008 12:38
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Hallo Klaus, alle Achtung!!! Das hat Mühe, Nerven und Zeit gekostet!
Da ich keine Kinder habe, ist mir die Materie etwas fremd, aber ich denke, ein (hoffentlich ) gesunder Menschenverstand sagt einem auch so, was alles reformbedürftig ist. Das heutige Schulsystem entspricht in keinster Weise den Anforderungen der nächsten Jahre.
Auch bin ich dafür, Hauptschulen generell abzuschaffen----das ist ein Auslaufmodell.
Und noch etwas::gebärprämienanmutend-----wouhhhhhhh, das ist ein Wort! Mit fällt da sofort die Albrecht Tochter van der Leyen ein :icon_toll :icon_toll
aber Du hast Recht: mehr kann ich an den erhöhten Zahlungen auch nicht erkennen. Schmeißt ihnen ein paar Taler hin, dann sind sie schon zufrieden--------so in diesem Sinne.
zwergenkoenig :icon_freu

Zwergenkönig-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Zwergenkönig-alt » So 12. Dez 2010, 09:25

Geschrieben: 28.07.2008 12:48
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Ja, da muß ich nun gleich noch einen drauf stzen:
zu meiner Zeit verlief es ähnlich wie in Finnland.
Eine Stunde Unterricht, zwanzig Minuten Hofpause, zehn Minuten sammeln in den Klassenräumen. Nach drei Stunden gab es Pausenvesper, Mittags für die Kinder, die in der Schule blieben, ein warmes Essen. Die Nachmittagsstunden waren freiwillig, da gabs Kochen, Spielen, Sport , Nachhilfe und einen Raum zum Hausaufgaben machen. Einige Kinder gingen Mittags auch nach Hause, und kamen später wieder.
Die Schule wurde regelmäßig erst um siebzehn Uhr geschlossen.
Am Samstag konnte, wer wollte, auch hin. Da wurde der Lehrstoff der Woche nochmals besprochen und man konnte Fragen stellen, wenn man etwas nicht verstanden hatte.
Um zwölf Uhr wurde die Schule dann geschlossen.
zwergenkoenig

Klaus-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:26

Geschrieben: 31.07.2008 12:31
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Ja schau her, jetzt wird’s interessant.

Während sich der gesamtdeutsche Lehrerverband aufgrund verheerender Pisaergebnisse noch im Januar mit einer scharfen Protestnote gegenüber der für die Pisastudien verantwortlichen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) insbesondere seines französischen Präsidenten, an der Kritik am deutschen dreigliedrigen Schulsystem verwahrte,

siehe:
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wiss ... 64,00.html

vernehme ich heute mit einigem Erstaunen, dass der bayrische Lehrerverband zu einer eigenständigen und erfreulich progressiven Meinung hinsichtlich notwendiger Reformen zu unserem Schulsystem gekommen ist.

Klasse, demnach gibt es unter verbeamteten Lehrern/innen durchaus noch Menschen die bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinwegzublicken.

Nachfolgende Meldung stellt demnach nicht nur den Willen zu überraschend deutlich positiven Veränderungen heraus, sonder darf auch als schallende Ohrfeige gegenüber einem verkrusteten Lehrergesamtverband verstanden werden.



Meldung vom 31.07. 2008
Lehrer kritisieren bayerisches Schulsystem
- 50 000 Sitzenbleiber


München – Zum Schuljahresende hat der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) das Schulsystem in Bayern kritisiert. Die Kinder würden zu früh auf die verschiedenen Schulen aufgeteilt, erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel.

“Wir verteilen Kinder in einem Alter, in dem ihre Entwicklung noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen ist.“ Der Verband spricht sich außerdem gegen das Sitzenbleiben aus, das pädagogisch und didaktisch nicht sinnvoll sei. Ein weiteres Problem sei die Sparpolitik der Landesregierung im Bildungsbereich. In den Schulen fehle es an Zeit und an ausreichend Personal. Gleichzeitig bekämen mehr als tausend junge Lehrerinnen und Lehrer im kommenden Jahr keine Anstellung.
Mehr als 10 000 Jugendliche müssen laut BLLV voraussichtlich zum Ende dieses Schuljahres ohne Abschluss die Schule verlassen. Außerdem werden rund 50 000 Schüler eine Klasse wiederholen müssen.
Jedes dritte Kind in Bayern sei bei seiner Einschulung therapiebedürftig. Deshalb forderte der BLLV mehr individuelle Förderung und Unterstützung in den Bildungseinrichtungen. Rund 140 000 Kinder lebten in Hartz IV-Familien und hätten kaum Chancen auf eine höhere Schulbildung, teilte Wenzel mit.
Quelle:
http://www.merkur-online.de/regionen/ba ... 830,947918

Zwergenkönig-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Zwergenkönig-alt » So 12. Dez 2010, 09:27

Geschrieben: 31.07.2008 12:40
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Es geschehen noch Zeichen und Wunder!!!!! :icon_toll

zwergenkoenig
die das ganz toll findet! :icon_freu

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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Sazeni-alt » So 12. Dez 2010, 09:28

Geschrieben: 31.07.2008 19:12
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Haben wir bald Wahlen irgendwo, man wie oft wurde schon gesagt sie ändern etwas und nach der Wahl, ist nix mehr davon umgesetzt worden.
Ich weiß hier sind viele wo die Kinder bereits aus dem Haus sind, aber ich habe noch zwei und ehrlich wenn ich das lese, dann hört es sich für mich wie ein Scherz an. Ich lebe mit meinen Kindern von knapp 400€ und das weil den Rest der Staat und Vermieter wieder alles einkassieren. Wer von euch ist in der Lage mal zu rechnen was ne Familie braucht um damit über die Runden zu kommen. Meine Jungs sind 12 und fast 17 Jahre.
Groß reden können alle, nur gute Tips gibt es nicht.

Sorry Klaus vielleicht bissel vom Thema wech, doch mich würde mal interessieren, wie macht ihr es alle.

Klaus-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:28

Geschrieben: 02.08.2008 11:57
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Hi sazeni

Es ist wohl richtig, dass im nächsten Jahr wieder Bundestagswahlen anstehen und aus diesem Grund aus politischen Richtungen zunehmend versucht wird, den Leuten wieder Honig ums Maul zu schmieren, aber damit hat der bayerische Landeslehrerverband nun wahrlich nichts am Hut.
Ich denke es ist eher als Aufforderung an die Politik zu verstehen, endlich etwas zum Wohle des Volkes beizutragen.
Doch wie Du anhand eigener Erfahrungen täglich zu spüren bekommst, scheren sich politische Vertreter kaum noch um die Befindlichkeiten der Bevölkerung.
Während sich diese zunehmend an den auf inzwischen 800 angestiegenen Tafeln (Armenspeisungen) anstellen, schlafen unsere Politikvertreter/innen immer noch den Schlaf der Gerechten. Hauptsache sie sind satt und wohlgenährt.
Mit 400 € für einen Dreipersonenhaushalt auszukommen, dass ist schon hart und verlangt Dir/Euch sicher ein hohes Maß an Selbstdisziplin ab.
Ich kann Dir nicht mal sagen, wie wir auskommen, da ich für mich selber kaum Mittel benötige und die Haushaltsverwaltung von größeren Anschaffungen abgesehen, bisher wunderbar von meiner lieben Finanzministerin gemanagt wird. :icon_gruss
Von meinen Erfahrungen her würde ich sogar dafür plädieren die Finanzverwaltung mal einer Bundesfinanzministerin zu übertragen.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass damit eine nützliche Prioritätenverlagerung verbunden wäre.
Naja, bis dahin heißt es die Zähne zusammenbeißen, oder wie schon Tausende zuvor eine Auswanderung in Erwägung zu ziehen.
Was eigentlich auch ein Paradoxum darstellt, wenn gleichzeitig immer mehr ausländische Fachkräfte ins Land geholt werden müssen, weil Deutschland zunehmend zu einem Land der Deppen und Bücklinge degeneriert.

In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deiner Familie vielleicht schon mit der nächsten Bundestagswahl eine bürgerfreundlichere Regierung.
Liebe Grüße :icon_freu
Klaus

Klaus-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:33

Geschrieben: 06.08.2008 05:51
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Kaum zu glauben, aber immerhin sehr positiv nehme ich erneut zur Kenntnis, wie auch unsere regionale Presse unabhängig von meinen Darlegungen wiederholt zukunftsgerichteten Fragen der Bildung aufgreift um damit für ein kritisches öffentliches Bewusstsein beiträgt.
Jedenfalls passt folgendes Interview genau in meine bisher dargelegte Kritik.
Ich bin gespannt, ob der Gedanke einer 1-jährigen Schulunterbrechung zugunsten einer längeren Berufsfindung nicht doch mal aufgegriffen und ins öffentliche Interesse rücken wird.
So und hier das hochinteressante Interview:


Meldung vom 04. 08. 2008
"Bei Berufswahl zählt Rat der Eltern"


Studie: Rektor Peter Grasmann und Jugendpfleger Jens Kurianowski haben über 900 Schulabgänger befragt
Hösbach Schüler von heute zu Berufsanfängern von morgen machen: Das will jede Schule. Doch welche Qualifikation führt am ehesten zu einer Lehrstelle? Welche Faktoren beeinflussen die Berufswahl? Gemeinsam mit Bildungsträgern und Berufsschulen haben Hösbachs Jugendpfleger Jens Kurianowski und der Rektor der Hösbacher Hauptschule, Peter Grasmann, Antworten auf diese Fragen gesucht. In einer internetgestützten Umfrage haben sie über 900 Berufsanfänger aus der Region befragt. Mit Moni Münch sprachen sie über die Ergebnisse ihrer "Studie zur Situation von Berufsteinsteigern und Jugendlichen in berufsvorbereitenden Maßnahmen in der Region Bayerischer Untermain 2007".

Einiges von dem, was Sie mit den Ergebnissen ihrer Studie jetzt belegen können, erleben Sie im Schulalltag jeden Tag - zum Beispiel, dass Migranten es im Bewerbungsmarathon schwer haben. Welche Ergebnisse haben Sie überrascht?
Kurianowski:
Bei der Berufswahl zählt der Rat der Eltern mehr als die Schule. Für 17 Prozent der Jugendlichen sind die Eltern der wichtigste Ideengeber zur Berufswahl. Zählt man Eltern, Verwandte und Freunde zusammen, macht das fast 35 Prozent aus. Die Schule gibt nur für knapp fünf Prozent den Ausschlag. Deshalb bieten wir in Hösbach bald ein Bewerbungstraining für Eltern an. So wollen wir gewährleisten, dass das, was die Eltern zu Hause machen, Hand und Fuß hat. Am sinnvollsten ist es unserer Meinung nach, wenn Eltern mit Schule und Jugendarbeit zusammenarbeiten. Da haben wir die besten Erfahrungen gemacht.

Sind Sie durch die Studie auch auf Missstände gestoßen?
Grasmann:
Ich bin überrascht, dass relativ viele Schulen keine ausgeweiteten Praktika anbieten. Diese Schulen begnügen sich immer noch mit einem ein- bis zweiwöchigen Praktikumsabschnitt in der achten Klasse.

Sie empfehlen an einer Stelle dringend, Praktika zu institutionalisieren. Sind Praktika nicht zumindest an Hauptschulen vorgeschrieben?
Grasmann:
Die Hauptschule kann in der achten Jahrgangsstufe ein Betriebspraktikum anbieten. Die Schule kann natürlich auch eigene Modelle entwickeln. An der Hauptschule Hösbach machen die Schüler zum Beispiel in der siebten Klasse ein Schonraumpraktikum, in der achten Klasse zwei Praktika in Betrieben, in der neunten Klasse ein Betriebspraktikum. Dazu schalten wir ein Fördermodell mit zusätzlichen Stunden, einen Computerführerschein, Bewerbungstraining mit Feedback und einiges mehr. Das ist unser Kompetenzmodell. Aber das macht jeder Schule anders.
Kurianowski: Letztlich geht es auch darum, die Quote der Ausbildungsabbrecher, die bei 25 Prozent liegt, zu verringern. Im Hauptschulbereich sind Praktika eher Standard, aber im Realschul- und Gymnasialbereich liegt das total brach. Ich denke, diese Schulen werden nachziehen müssen. Denn wer heute kein Praktikum nachweist, bleibt einfach draußen.

Sie haben in ihrer Studie auch die Lage von Migranten unter die Lupe genommen. Inwiefern sind auch sie eine Gruppe, die oft außen vor bleibt?
Grasmann:
Diese Leute haben zum einen oft eine andere Schullaufbahn als deutsche Jugendliche. Sie haben seltener einen Kindergarten besucht, machen niedrigere Abschlüsse und bewerben sich später - damit sind sie Verlierer. Deshalb fordern wir eindringlich, dass hier Maßnahmen so früh wie möglich einsetzen. Kurse wie "Mama lernt Deutsch" wären absolute Voraussetzung.
Kurianowski: Dazu kommt, dass es ein ausländischer Jugendlicher tatsächlich schwerer auf dem Arbeitsmarkt hat. Dort herrschen einfach diskriminierende Strukturen. Ein türkischer Jugendlicher muss besser sein als ein vergleichbarer deutscher.

Haben Sie zwischen dem Zeitpunkt und dem Erfolg der Bewerbung einen Zusammenhang festgestellt?
Kurianowski:
Die erfolgreichen Bewerber haben sich zum Teil zwölf Monate im Voraus beworben. In einem Großbetrieb muss man sich zwar bisweilen noch früher bewerben. Aber unsere Region ist von kleinen und mittleren Betrieben geprägt, die kürzere Bewerbungsfristen haben.
Grasmann: Was uns überrascht hat: 6,2 Prozent der Befragten - das sind absolut immerhin 55 - haben sich überhaupt nicht beworben. Das sind dann wieder überwiegend Migranten.

Wozu dienen die Ergebnisse ihrer Studie?
Grasmann:
In der Arbeitsagentur nimmt man die Studie zum Anlass einer Dienstbesprechung, weil auch Kritik an der Agentur geübt wird.
Kurianowski: Wir nehmen auch Dinge für unsere Arbeit mit. In manchen Bereichen sehen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind, etwa in Sachen Migranten. Ich habe in diesem Jahr 20 Leute intensiv in Richtung Berufsvorbereitung betreut. Davon waren 50 Prozent Migranten - obwohl wir nur fünf Prozent Migranten an der Schule haben.

Welche Kritik üben die Berufsanfänger am Arbeitsamt?
Grasmann:
Die Mehrheit beurteilt die Berufsberatung positiv. Aber wenn man das nach Schularten aufschlüsselt, kommen bei den höheren Schularten negativere Bewertungen.

Kommen die üblichen berufsvorbereitenden Maßnahmen - Praktika, Biz, Arbeitsamt - bei den Jugendlichen an?
Grasmann:
Doch. Für über 80 Prozent der Befragten hat zum Beispiel das Praktikum einen hohen oder sehr hohen Stellenwert.

Sind die Schüler auch bereit, außerschulische Praktika zu machen?
Grasmann:
Absolut. Knapp zwei Drittel der Befragten haben ein oder mehrere Praktika an Wochenenden oder nachmittags gemacht. Was vielen Schülern allerdings heilig ist, sind die Freien.
Quelle:
http://www.main-netz.de/nachrichten/reg ... 986,462136

Klaus-alt
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Re: Der sozialpolitische Bildungsnotstand - Betrachtungen

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:36

Geschrieben: 06.08.2008 06:19
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Wenn 60% aller Lehramtsanwärter gemäß nachfolgendem Studienergebnis eine falsche Berufswahl getroffen haben, weil ihnen zuvor weitgehende Möglichkeiten fehlten, anhand ausreichender Praktikaerfahrungen ihre eigenen Fähigkeiten und Neigungen herauszufinden, dann werden wir uns über frustrierte Menschen in allen Berufsbereichen wie hier unter Lehramtsanwärter/innen nicht wundern müssen. Demnach beweist die folgende Meldung sehr eindrucksvoll, dass ich mit meiner Ansicht, hinsichtlich einer unzureichenden Berufsvorbereitung vollkommen richtig liege.
Dessen Mangel umso gravierender ausfallen muss, wenn dieses menschliche Frustpotenzial auf unsere Kinder losgelassen wird.
Ich denke die Meldung spricht für sich, bzw. halte ich die bisherige fehlende Praxis für dringendst reformbedürftig.


Meldung vom 04. 01. 2008
Studie: "Ausgebrannte" Lehrer waren bereits im Studium überfordert

Empfehlung: berufliche Eignung vorab testen

(bikl.de/pm) Bereits nach den ersten vier Berufsjahren fühlt sich jeder zehnte Lehrer überfordert. Das ergab eine Längsschnittstudie des Bildungsforschers Prof. Dr. Udo Rauin. Die ERgebnisse hat der Wissenschaftler der Goethe-Universität jetzt im Wissenschaftsmagazin "Forschung Frankfurt" vorgestellt. Rauin hatte mehr als 1000 Personen vom Studium bis zum Beruf begleitet und viermal zu ihrer Wahl und Eignung befragt. Ein wichtiges Ergebnis: Die meisten der später "ausgebrannten" Lehrer fühlten sich bereits im Studium überfordert und waren wenig engagiert.
Drei Typen lassen sich nach dieser Untersuchung unterscheiden: Die "riskant Studierenden", die 27 Prozent der Befragten ausmachen, schätzen ihre Befähigung von Beginn an sehr skeptisch ein; zum Kreis der "Engagierten", die in allen Bereichen positive Werte erreichen, zählen knapp 38 Prozent; bei 35 Prozent überwiegen pragmatische Motive für die Berufswahl.
Nie "gebrannt"
Die oft vertretene These, besonders engagierte Lehrkräfte seien wegen der Diskrepanz zwischen selbst gesteckten Zielen und beruflicher Realität anfällig, im Beruf "auszubrennen", ließ sich nicht bestätigen. Vielmehr waren etwa 60 Prozent derer, die sich nicht gewachsen fühlten, schon im Studium überfordert und wenig engagiert. Aus der größeren Gruppe der engagierten Studierenden sahen sich dagegen nur zehn Prozent überlastet. Dazu Rauin: "Mit anderen Worten - die über besondere Belastungen Klagenden haben vermutlich nie 'gebrannt'."
Studienwahl als Notlösung

Eine nicht unbeträchtlich große Gruppe von etwa 25 Prozent aller Studienanfänger, die Rauin und sein Team befragten, wollte eigentlich nie Lehrer werden, empfand die Studienwahl nur als "Notlösung". Fast die Hälfte dieser Gruppe stieg aus, sobald sich eine Alternative bot, aber die übrigens machten weiter. 27 Prozent der Studierenden gaben sich selbst schlechte Noten, als sie nach sechs Semestern über berufsbezogene Persönlichkeitsmerkmale, Engagement im Studium, berufliche Motivation und fachliches Wissen Auskunft geben sollten; trotzdem hielten sie am Berufsziel fest. Häufig waren negative Selbsteinschätzungen des Studienverlaufs mit hedonistischen Motiven der Studienwahl verknüpft: geringe Anforderungen im Studium, wenig Zeitaufwand, Zeit für andere Interessen. Nicht ganz überraschend zeigte sich auch bei anderen Gruppen, die das Studium optimistisch eingeschätzt und erfolgreich abgeschlossen haben, eine stark pragmatische Orientierung: Der Wunsch, im Studium und im späteren Beruf in der Nähe des Heimatortes bleiben zu können oder die Hoffnung auf ein überschaubares Studium und einen sicheren, familienfreundlichen Arbeitsplatz lagen im Vergleich mit anderen Motiven bei über 50 Prozent aller Befragten weit oben. "Etwas überspitzt könnte man formulieren, nicht nur 'geborene Erzieher' drängen ins Lehramt, sondern oft auch Pragmatiker oder Hedonisten," kommentiert Rauin mit Blick auf Eduard Springer, der in den 1920er Jahren ein ausgeprägtes pädagogisches Ethos als wichtigste Voraussetzung für den Lehrerberuf propagierte.
Mehr Beratung
Die Ergebnissen der Untersuchung veranlassen Bildungsforscher Rauin zu unterschiedlichen Empfehlungen: Wenn bereits sehr früh im Studium mit relativ einfachen Instrumenten typische Risiken prognostizierbar sind, dann liegt es nahe, mehr in die Beratung der Studienanfänger zu investieren. Dabei könnten manche ihre Studien- und Berufswahl noch einmal kritisch prüfen. Solche Beratungssysteme werden beispielsweise an Österreichischen Universitäten schon erprobt. Ob allerdings diese freiwillige Beratung die erhofften Wirkungen zeigt, bleibt abzuwarten. Das Risiko, trotz ungünstiger Voraussetzungen in den Beruf zu gelangen, ließe sich auch abmildern, wenn die Entscheidung nicht nur für Lehrkräfte, sondern auch für Schulen revidierbar wäre. Das würde aber voraussetzen, den Beamtenstatus der Lehrkräfte aufzuheben und Studium und Beruf stärker zu entkoppeln.
Keine sachlichen Kriterien bei der Einstellung
In jedem Fall sollten Instrumente und Prozeduren entwickelt werden, mit deren Hilfe berufliche Eignung und Fähigkeiten besser feststellbar sind als mit den zur Zeit durchgeführten Staatsexamen. Diesen gibt Rauin schlechte Note: "Verbindliche Gütemaßstäbe und darauf aufbauende Verfahren der Beurteilung ihrer Leistungen gibt es derzeit nicht. Die Einstellung neuer Lehrkräfte hängt mehr von der jeweiligen Bewerberlage für Schulstufen oder Fächer ab als von sachlichen Kriterien."
Quelle:
http://bildungsklick.de/a/57651/studie- ... erfordert/


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