Ergebnis der Diakonie und Landeskirche zum Thema Heimkinder

Verantwortung im Spiegelbild der Realitäten.

Moderator: Klaus

Klaus-alt
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Ergebnis der Diakonie und Landeskirche zum Thema Heimkinder

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:19

Geschrieben: 10.10.2009 08:31
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Nachfolgend stelle ich das gemeinsame Ergebnis jahrelangen Forschens und Insichgehens der Niedersächsischen Diakonie und Landeskirche zum Thema misshandelter – ausgebeuteter Kinder und Jugendlichen in ihren Heimeinrichtungen vor.

Dieses Ergebnis wurde am 7. Okt. veröffentlicht.

Dazu einige Fragen, die ich hier wertfrei und zunächst unkommentiert in den Raum gestellt habe:

1. Ist es „das Ergebnis“, dass sich die ehemaligen Heimkinder gewünscht haben?

2. Fühlen sie sich mit dieser Erklärung rehabilitiert und ihre persönliche Integrität wieder hergestellt?

3. Und ja, entspricht dieses Ergebnis dem jahrelangen Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit der einstigen Demütigungen, Misshandlungen, z.T. auch Missbrauch, Ausbeutung und darauf folgenden prekären Lebensbiografien, die in zahlreichen Fällen bis in die Gegenwart andauern?

4. Ist damit jetzt alles wieder gut?
a) Für Verantwortungstragende?
b) Für die ehemaligen und gegenwärtigen Heimkinder?
c) Wie überhaupt unserer gesamten Gesellschaft?

Ich bin gespannt, ob sich hierzu noch die eine oder andere Meinung finden lässt.
Hier folgt jedenfalls die gemeinsame Erklärung der Diakonie und Landeskirche Niedersachsen zum Thema Heimerziehung der 50er und 60er Jahre

Nachrichtentext:
Gemeinsame Erklärung
der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und
des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V.
zu der Situation in Heimen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren.

Mit Trauer stellen wir fest, dass in unseren Einrichtungen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren schlimmes Unrecht geschehen ist.

1. Uns beschämt, dass in den 50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht gedeckt wurde. Insbesondere sehen wir, dass es häufig zu Gewaltanwendungen kam, ein oft massiver psychischer Druck herrschte und in den Heimen nicht individuell fördernd auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen worden ist. Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt worden.
Wir setzen uns dafür ein, dass in unseren Einrichtungen ohne Gewalt, in einer Atmosphäre des Respekts, einfühlsam und achtsam miteinander umgegangen wird. Wir wollen die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale des Einzelnen fördern.

2. Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen und weder aufgearbeitet noch öffentlich gemacht wurden. Die ersten Veröffentlichungen in der Mitte der 60er Jahre wurden nur wenig beachtet. Sie trugen jedoch dazu bei, dass unsere Einrichtungen sich damals pädagogisch neu orientierten. Es sind aber fast vierzig Jahre verstrichen, bis die Betroffenen in einer breiten Öffentlichkeit Gehör gefunden haben.
Wir setzen uns zusammen mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass die Betroffenen therapeutisch und seelsorgerlich begleitet werden. Außerdem lassen wir eine wissenschaftliche Dokumentation über die damalige Situation in den Heimen erstellen, auch um weitere Konsequenzen aus den Versäumnissen der Vergangenheit zu ziehen.

3. Uns beschämt, dass Mitarbeitende in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe oft unzureichend qualifiziert waren, ihre Einbindung in ein streng hierarchisches System oft demütigend und die personelle Besetzung unzureichend war. Wir achten die Mitarbeitenden, die unter schwierigen Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. Wir wissen, dass viele ehemalige Mitarbeitende bis heute unter Schuldgefühlen leiden.
Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass unsere Mitarbeitenden qualifi-ziert ausgebildet sind und ständig entsprechend dem aktuellen Bedarf fortgebildet werden. Dazu brauchen die Teams und die Leitungen der Einrichtungen eine permanente Supervision und ein ständiges Beratungsangebot. Grundvoraussetzung ist, dass unsere Einrichtungen die Besetzung haben, die den berechtigten Ansprüchen der Jugendlichen und Kinder gerecht wird.

4. Uns beschämt, dass die Heime der Jugendfürsorge oft nicht auskömmlich finanziert waren. Deshalb erhielten die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen keine adäquate Ausbildung, sondern mussten für ihre tägliche Versorgung oft hart arbeiten.
Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Jugendhilfe eine qualifizierende Ausbildung erhalten und alle Kosten ihres Aufenthaltes durch die Solidargemeinschaft gedeckt sind.

5. Uns beschämt, dass die staatliche Einweisungspraxis oft leichtfertig war, dass es an einer kompetenten Heimaufsicht gefehlt hat und das Miteinander von Jugendämtern und Fürsorgeeinrichtungen meist unreflektiert und unkritisch gestaltet wurde.
Wir setzen uns gemeinsam mit dem Gesetzgeber dafür ein, dass die Lebenssituation der Betroffenen und die Arbeitssituation der Mitarbeitenden sowohl durch die staatliche Heimaufsicht als auch durch eine kritische Begleitung und Beratung ständig verbessert werden.

Wir, die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen wissen heute, dass bei der Erziehung und Förderung vieler Kinder und Jugendlicher, die uns in den Erziehungseinrichtungen anvertraut waren, vielfach versagt wurde. Wir bitten bei den betroffenen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern um Entschuldigung und Vergebung.
Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Deshalb setzen wir uns in unseren Einrichtungen konsequent für eine Pädagogik ein, die erfahrbar von der bedingungslosen Annahme jedes Menschen durch die Liebe Christi geprägt ist.

Für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers
Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin

Für das Diakonische Werk der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V.
Dr. Christoph Künkel, Direktor

Hannover, 7.Oktober 2009


Quelle:
http://www.jugendhilfeportal.de/wai1/sh ... 0010006499

Serafin-alt
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Re: Ergebnis der Diakonie und Landeskirche zum Thema Heimkin

Beitragvon Serafin-alt » So 12. Dez 2010, 09:19

Geschrieben: 10.10.2009 14:11
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Also mal ganz ehrlich gesagt ist mir dieses Schreiben ein wenig zu flach.
Unter dem Deckmantel,sie wußten nicht was sie tun,bleibt am Ende nicht viel mehr als eine Buchstabensuppe auf Papier.
Das heute in den Einrichtungen anders gearbeitet wird,ist klar.Doch kann mir niemand weiß machen,dass unbewusst unqualifiziertes Personal in der damaligen Zeit eingesetzt worden ist.
Da hat die Landesbischöfin sich geschickt versucht aus der Affaire zu ziehen,indem sie nun ganz plötzlich die Ja-Sager-tour fährt.Immer in der Hoffnung,sie kommt so aus der Sache heraus.
Heilige Scheinheiligkeit im großen Stil,zielt für mich nicht darauf ab,jedem Einzelnen Opfer gerecht zu werden.Denn Mal ganz unter uns:Papier ist geduldig und was haben sie damit erreicht?Sie machen damit ihre Kläger mundtod,denn wer sich als Opfer fühlt wird sich nach diesem geschreibsel nicht weiter auflehnen.

Schade,aber die Kirche zieht sich geschickt heraus.

Serafin

Klaus-alt
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Re: Ergebnis der Diakonie und Landeskirche zum Thema Heimkin

Beitragvon Klaus-alt » So 12. Dez 2010, 09:20

Geschrieben: 02.11.2009 17:32
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Nachdem sich die Reaktionen nach wie vor in Grenzen halten, stelle ich hier mal meine subjektive Meinung über diese Erklärung ein.

Zunächst einmal stelle ich fest, dass diese, ich nenne sie mal Entschuldigungserklärung, lediglich das lokale Bemühen um den Kreis der Landesbischöfin Frau Dr. Käßmann darstellt, ihrer persönlichen Betroffenheit über die einstigen Heimzustände Ausdruck zu verleihen.
Zumindest zeichnete sich Frau Dr. Käßmann im Gegensatz zu allen anderen kirchlichen „Provinzfürsten“ durch ihr offensives Aufklärungsbemühen im Sinne einst geschädigter Heimkinder innerhalb ihres Bundeslandes aus. In dessen Folge der erste runde Tisch auf Bundesebene eingerichtet wurde, um innerhalb dieses Gremiums detailliert zu erfassen, wer, wie und warum für das Leid zahlreicher ex-Heimkinder Verantwortung zu tragen hat.

Da dieser Findungsprozess weder auf Bundes, Länder, oder Regionalebenen abgeschlossen ist, sollte dieser aktuellen Bedauernserklärung seitens ex-Heimkinderkreise nicht mehr Bedeutung beigemessen werden als sie es ist.
Eben einer regionalen Erklärung, die unter dem besonders persönlichen Eindruck und Engagement von Frau Dr. Käßmann steht, der ich ohne Zweifel ihre persönliche Betroffenheit abnehmen möchte und ihr gleichsam für ihr entschlossenes Einfordern um Aufklärung der beklagten Heimzustände danken möchte.
Denn hier zeigt sich einmal mehr, dass die gesellschaftliche Wahrnehmungsfähigkeit und mögliche Veränderungen immer wieder von wenigen aber wesensstarken Einzelpersonen abhängig bleibt. (Ein weiteres Positivbeispiel stellt für mich z.B. Alice Schwarzer dar, die mit ihrem persönlichen Engagement zur Emanzipation der Frauen, regelrecht die ganze Bundesrepublik verändert hat.)

Von daher könnte diese Bedauernserklärung gerade in Hinblick darauf, dass die jüngst zur Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche gekürte Frau Dr. Käßmann, das höchste evangelische Amt in der Bundesrepublik eingenommen hat, für die weitere Behandlung der offenen Fragen zum Thema ehemaliger Heimkinder eine erfreuliche Signalwirkung ausweisen.
In dem dieses Signal zumindest in evangelischen Kreisen weitere klerikale Landesfürsten ermutigt, dem Beispiel von Frau Dr. Käßmann zu folgen.
Die katholische Kirche mit ihrem überheblichen Unfehlbarkeitsanspruch tut sich hierin noch besonders schwer.
Wird aber in Hinblick ihrer davonstürmenden Gläubigen mittelfristig kaum umhin kommen, um den Menschen endlich wieder auf gleicher Augenhöhe entgegenzukommen.
Zumindest gibt es erste Anzeichen die erkennen lassen, dass sich auch die katholische Kirche nicht dauerhaft unbequemen Fragen entziehen kann,
http://de.news.yahoo.com/1/20090921/twl ... 48a9e.html
und sich mit ähnlichen Verlautbarungen wie aus Hannover sicher noch schwerer tun wird.

Von daher sollte sich niemand über das erkennbar schwere Winden und Ausweichen vor klaren Aussage wundern, die ehemaligen Heimkinder von diesen INSTITUTIONEN ja nun auch zu Recht erwarten.
Eben, weil auf dieser regionalen Ebene noch gar keine allgemeingültigen Beschlüsse möglich sind. Andernfalls würden alle Gremien die sich zur Zeit auf Bundes- und Länderebene mit dem Thema ex-Heimkinder auseinandersetzen zur bedeutungslosen Farce verkommen.

Dennoch, so unvollständig diese Erklärung auch ist, weil sie den Ehemaligen real überhaupt nichts Greifbares bringt, so erkenne ich in dieser Erklärung doch eine zukunftsweisende Signalwirkung.

Ich bin selber sehr gespannt, wie sich die weiteren Dinge entwickeln werden und würde mir sehr wünschen, dass sich in künftigen Erklärungen noch wesentlich stärker ein tragfähiger Präventionsansatz widerspiegeln würde, der zu erkennen gibt, dass nicht nur die Kirchen, sondern die verantwortungstragende Gesellschaft gemeinsam aus der Geschichte gelernt haben, um künftige Generationen von Kindern und Mitmenschen vor Leid und Verwahrlosung zu bewahren.

Darüber hinaus möchte ich alle Mitlesende gern mal die Aufgabe stellen, wie ihr Euch wohl eine angemessene Form und Entschuldigung von Tätern, gegenüber ihren einstigen Opfern, insbesondere durch Kirche und Staat verursacht vorstellen würdet?

Ich persönlich halte angesichts der teils immens zerstörten Persönlichkeiten weder eine einmalige Veröffentlichung des Bedauerns, noch etwaige Entschädigungszahlungen für angemessen um sich damit aus der Affäre zu ziehen.

Gibt es dazu andere Stimmen – weitere Meinungen?

Serafin-alt
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Re: Ergebnis der Diakonie und Landeskirche zum Thema Heimkin

Beitragvon Serafin-alt » So 12. Dez 2010, 09:21

Geschrieben: 02.11.2009 19:27
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Oh Mann,
das musste ja jetzt kommen!Da komme ich hier an und kriege harte Brocken zum lesen;gleich angestellt mit einer Denkaufgabe,vielen Dank.

Aber Spass beiseite:
Meine Meinung zu diesem Entschuldigungstext habe ich bereits geäußert und es wird sich auch nichts daran ändern.
Meines erachtens dürften die Herrschaften gerne ein wenig Staub schnuppern,indem sie die Akten aus den Kellern vorholen und;auch wenn es viel Arbeit bedeutet,sich zu jedem Einzelnen Opfer bekennen.Das bedeutet für mich kein Rundschreiben sondern ein offenes Gespräch.Die Würde des Einzelnen ist so auf gar keinen Fall wieder hergestellt.
Von einem Kind wird eine Entschuldigung folgendermaßen erwartet:
1. Handgeben
2.in die Augen schauen
3.Entschuldigung sagen
Wäre es nicht gerade hier ebenso angebracht?
Von einer Entschädigungszahlung will ich garnicht großartig schreiben;doch könnte ich mich damit arrangieren,wenn die Arbeitsjahre im Heim auf die Rente angerechnet werden könnten.Auch wäre es ein freundlicher Zug,wenn notwendige Nachbehandlungen aus dieser Zeit;sprich Therapien usw. finanziell übernommen würden.

Ich habe aber da nun ein Problem!!!
Meines Erachtens sind sich gerade die betroffenen Opfer nicht darüber einig,was sie denn nun wirklich wollen.Auch bezweifel ich das es dem Frieden genüge tut.Bislang,so ist es mir vorgekommen,war es zwar immer wichtig laut zu Rufen;"Mir wurde unrecht angetan",doch haben alle auf den großen Macher gewartet,der ihnen die Drecksarbeiten abnimmt und anprangert.Selbstinitiative habe ich wohl verpasst.
Mein Lebensmotto ist:Wenn ich etwas erreichen will,muß ich auch etwas dafür tun!Abwarten hilft nicht weiter.
Auch wenn ich mich jetzt gerade sehr unbeliebt auf dieser Seite mache,so denke ich nun mal.

Serafin


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