im Schnelldurchlauf

Karriere, Absturz und Erwachen.

Moderator: Klaus

Sandra-alt
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im Schnelldurchlauf

Beitragvon Sandra-alt » Mi 24. Nov 2010, 14:19

Geschrieben: 16.08.2006 14:13
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Hallo allen, die es interessiert!

Ein Pflichtschulfach für angehende Eltern :icon_schock wie wäre es mit einem Zeugungsverbot bei nichtbestehen eines Menschlichkeitstests?

Nunja, folgendes hat mir meine biologische Quelle für immer verdorben:


I. Materielles, Karriere, etc.:


1.) Volles Abitur:

Trotz ausreichender Intelligenz war es mir nicht mehr möglich, mein Abitur auf regulärem Wege zu absolvieren, da ich in den Jahrgangsstufen 11 bis 13 eher damit beschäftigt war, "selbständig" zu werden. Meine Tätigkeiten waren also eher:

- einkaufen gehen,
- haushalten,
- erste soziale Kontakte selbständig aufbauen/erhalten,
- mehrere Stunden täglich dafür aufwenden aus einem tiefen Loch in ansatzweise ansprechbaren Zustand zu geraten,
- zu versuchen die Klapsmühleneinweisungen neben den "Lernversuchen" zu ignorieren
- meine ersten Tränen in einen Kontext von Emotion einzuordnen,
- abends ohne doppelte Dosis Tabletten einschlafen,
- morgens nach doppelter Dosis rechtzeitig aufwachen,
- usw. (einiges noch in den letzten Zügen der Heimzeit, das meiste danach)

statt o815-Karriere:

- morgens in die Schule,
- Frühstück vor Ort "kaufen",
- seine Aufmerksamkeit auf den Unterricht verwenden,
- mittags nach Hause und nochmal happa happa,
- nachmittags lernen,
- abends ruhig einschlafen können
- usw.

Nagut, fürs Fachabi hat es ja trotzdem "genügt".


2.) Studieren:

Wenn man nicht das zweifelhafte "Glück" hatte, daß den Eltern das Sorgerecht entzogen wurde oder man Waise ist, kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen: "Autsch!". 8 bis 10 Stunden Uni, 6 bis 8 Stunden arbeiten, 3 Stunden reine Fahrtzeit (immerhin, ich konnte lernen :icon_haeh ) die Augenringe werde ich mein Leben lang nicht mehr los.


3.) WICHTIG!!! Arbeitswelt/Personalwesen:

Vermutlich hat jedes Heimkind, so wie ich auch, auf jedem seiner Schulzeugnisse eine ANDERE UNTERSCHRIFT stehen!!! Tip einer früheren Personalchefin von mir: IN KONSERVATIVEN UNTERNEHMEN IST DAS EIN AUSSCHLUSSKRITERIUM FÜR FESTANSTELLUNGEN (Risikopotential).

Mein Tip: Kopien ALLER betreffenden Zeugnisse (auch wenns was kostet) direkt von den Schulen beschaffen. Dort sind nur die Unterschriften des Schulleiters und/oder des Tutors/Klassenlehrers drauf! UND: Muß es wirklich ein konservatives Unternehmen sein, daß Dich eigentlich diskriminieren würde?


4.) (wird häufig vernachlässigt) Erbe:

Es wird zwar auch vielen Nicht-Heimkindern so gehen, aber es dürfte trotzdem klar sein, daß jedes Heimkind im Gegensatz zur Mehrheit der übrigen, zumindest der übrigen deutschen Bevölkerung einen echten 0-Start hat. Gut, interessiert mich heute nicht mehr so, ich habe Menschen ihr Erbe sinnlos verpulvern sehen und verdiene selbst inzwischen genug.


II. Zwischenmenschliches, Gefühle:


1.) Beziehung:

Vorraussichtlich werde ich trotz jahrelanger wechselnd ambulanter, teilstationärer, stationärer Therapie nie eine glückliche Beziehung führen können (man mag mir widersprechen wollen, ich für meine Person habe es aufgegeben und bin schon mit halbjährlich wiederkehrenden glücklichen Momenten zufrieden). En Detail bedeutet das:

- Nähe manchmal gerne, aber bitte nicht zu nah (kennt wahrscheinlich mindestens jeder/jede 2., der/die im Heim war)
- Vertrauen suche ich im Fremdwörterbuch
- Sex könnte mir irgendwann mal Spaß machen, wenn man mir endlich das Gedächtnis aus dem Hirn amputiert hat

Im Gegensatz dazu der Normalfall:

- dazu habe ich keine Information :icon_toll


2.) Freundschaft:

Freunde sind ja was schönes und nettes, das kann in Einzelfällen sogar bedeuten, daß man die nervenaufreibende "stille Weihnachtszeit" in einer angenehmen Diskussionsrunde zu Adsorptiven verbringen kann oder gar jemanden findet, der die zwei Tage Zwangsurlaub canastaspielend verbringen möchte. Ansonsten haben ja die Videotheken noch geöffnet.

Im Allgemeinen scheinen Freunde eher als Teilnehmer (also Anteil Nehmenden) gesellschaftlichen Aktivitäten zu dienen. Meines Erachtens sollte man bei diesen allerdings auch Freude o.ä. Gefühlsregungen verspüren und es sich andernfalls sparen. Ansonsten habe ich noch keinen "Verwendungszweck" für Freunde gefunden. Sachdienliche Hinweise erwünscht. :icon_gruss


3.) Lebensfreude:

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Mal im Ernst, da ich meine Persönlichkeitsstruktur zum größten Anteil aus einem Mathematikbuch für Ingenieure geschöpft habe, gedenke ich nicht, mich unfunktional aus dem Fenster zu werfen. Bestes Gegenbeispiel dürfte jede x-beliebige Selbstmordstatistik unter Heimkindern sein. Mein Leben dürfte per Definition nicht lebenswert sein, von daher bin ich schon lange Befürworter eines "Elternführerscheins" oder einem anderen Instrument, das gewissen Persönlichkeiten einfach die Fortpflanzung versagt.

Nette Idee, in deutscher Politik aber undenkbar.

LG, Sandra.

Klaus-alt
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Registriert: Do 18. Nov 2010, 06:30

Re: im Schnelldurchlauf

Beitragvon Klaus-alt » Mi 24. Nov 2010, 14:21

Geschrieben: 17.08.2006 13:06
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Hallo Sandra :icon_freu

Sei herzlich willkommen in unserem Kreis und hab herzlichen Dank für Deinen schnörkellosen Beitrag mit dem Du hier Deinen Einstand gefunden hast und aus dessen Inhalt ich eine Spur ironischen Humor herauszulesen glaube. Ich hoffe nicht zu irren, aber so meine Erfahrung, wo wenigstens noch Humor im Hause ist, da lässt es sich durchaus noch ganz gut Leben. :icon_gruss
So hoffe ich doch auch für Dich, dass Du trotz einiger schmerzlicher Verluste, insbesondere wenn sie sich heute in Defiziten des zwischenmenschlichen Bereichs finden, Du Dein Leben trotzdem einigermaßen annehmlich eingerichtet hast.
Auch bin ich davon überzeugt dass Deine Einsamkeit, oder Isolation, so Du Dich darin angesprochen fühlst, vielen von uns nicht unbekannt ist.
So auch mir lange Zeit, der ebenso erhebliche Berührungsängste gegenüber seiner Umwelt hatte und davon überzeugt war völlig Beziehungsunfähig zu sein.
Irgendwann durfte ich dann doch die überraschende Erfahrung machen, dass das geflügelte Sprichwort vom Deckel, der für jeden Topf zu suchen und finden ist, absolut zutrifft. Inzwischen sind Topf und Deckel zu einer untrennbaren Einheit verwachsen. Ein Erfahrung die ich in ihrer Intensität wirklich nie für möglich gehalten hätte.
Diese Zuversicht und vielleicht auch (späte?) Erfahrung möchte ich Dir von ganzem Herzen wünschen und Dich ermuntern die Hoffnung nicht aufzugeben, auch wenn Du Dir solch eine Situation im Moment noch nicht mal vorstellen könntest. Natürlich ist es für Menschen die sich lieber mit Büchern umgeben nicht besonders einfach neue Bindungen zu finden, doch bin ich davon überzeugt, dass sich allein schon durch die segensreiche Möglichkeit der Kommunikation via Internet einige Kontakte auf gleicher Interessenbasis finden lassen. Die natürlich nicht zwangsläufig in partnerschaftliche Beziehungen führen müssen, aber doch ganz bestimmt den geselligen wie freundschaftlich geprägten Horizont erheblich erweitern dürften.
Eigentlich sind Deine Voraussetzungen für ein zufriedenstellendes Leben gar nicht mal schlecht, wenn ich davon ausgehe, dass Du Dir Deines Wertes und Deiner Bildung bewusst bist. Dies bedeutet jedoch auch die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu erkennen. Denn erfahrungsgemäß versuchen viele von uns besonders im beruflichen Engagement und Karriere, die Anerkennung zu erzielen, die ihnen in ihrer Kindheit versagt blieb. Dabei besteht natürlich die Gefahr sich selbst nicht mehr als Person mit seinen lebenswichtigen Bedürfnissen wahrzunehmen und verliert in größerem Ausmaß die Gelegenheiten um soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Ich denke irgendwo wird auch Dir dieser Zusammenhang bekannt sein. Problem ist meist oft die eingefahrenen Gleise zu verlassen, oder nicht?
Also liebe Sandra, mach Dich nicht selber runter. Was Du als ehemaliges Heimkind erreicht hast ist doch absolut bewundernswert. :icon_gruss Und wer wie Du so stark und ausdauernd ist, wird sich bestimmt trotz vergeblicher Therapieversuche weiterhin so lange mit der Vergangenheit auseinandersetzen, bis sie auch für Dich irgendwann einigermaßen erklärbar und für Dein weiteres Leben erträglich geworden ist.
Lass Dich da mal nicht von den bisher vergeblichen Therapieversuchen irritieren. Therapeuten haben auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Oft fehlt es da an entsprechender Fachkenntnis und Einfühlungsvermögen einer so komplexen Problematik wie sie häufig in mehrfach traumatisierten ex-Heimkinderkreisen anzutreffen ist.
Das Bewusstwerden über Ursachen und Wirkung ist das A & O, um zur eigenen Lebenszufriedenheit zu gelangen. Du wirst versuchen können Dein Wissen mit Büchern anzureichen, erproben hingegen wirst Du Dich nur in der realen Praxis mit anderen Menschen.
Es ist zu schaffen, denke ich mal. Vielleicht noch nicht heute, aber irgendwann wird jede Suche, gemäß dem Motto, „wer suchet, wird finden“ zum Erfolg führen.
Ein wichtiger Schritt in die Richtung beginnt da schon mit große Hürde sich selbst wahrzunehmen und zu schauen, was Du dazu beitragen kannst, um Dich selber anzunehmen und wohlzufühlen.
In diesem Sinne möchte ich Dir auf Deinem weiteren Weg die Ausdauer und den Mut wünschen, um das Wagnis einzugehen, immer wieder neue Türen zu öffnen, um eines Tages doch noch Dein Glück oder Deine Lebenserfüllung zu finden. :icon_gruss
Nun und wenn wir hier ab und an noch von Dir lesen werden. Es würde uns freuen, denk ich mal vorauseilend.
Als lass Dir keine grauen Haare wachsen.
Ganz liebe Grüße wo auch immer Du Dich gerade aufhalten magst. :icon_freu
Klaus


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