Dort kamen die Jugendlichen in einem Alter, dass wir die Pubertätsphase nennen. Diese Phase wurde immer schon so benannt, aber sie war den Verantwortlichen offensichtlich nicht bekannt. Angefangen bei den Richtern, die die Jugendlichen in der Mehrheit ohne Anhörung in die Heime einwiesen und den Mitarbeitern des Jugendamtes bis hin zu den Erziehern wurde Fehlverhalten kriminalisiert und nicht in einem psychologischen Kontext gesetzt.
Sie haben gesamt in jeder Hinsicht versagt und letztlich den Jugendlichen wichtige Erfahrungen, die in der Pubertätsphase unerlässlich sind auf der Schwelle des Erwachsen Werdens durch das Leben in einer geschlossenen Anstalt vorenthalten.

In diesem Alter werden die ersten Erfahrungen mit dem gegengeschlechtlichen Partner gemacht und diese sind wichtig, will man später eine zufriedene Partnerschaft und ein Familienleben aufbauen. Immer wieder wird behauptet, dass die Arbeit in diesen Heimen im erzieherischen Kontext stand. Das war ganz sicher nicht so, denn es gab oft die Äußerungen "wer arbeitet kommt nicht auf dumme Gedanken" und wer schwer arbeitet? Die Arbeit hatte viele Funktionen, denn sie unterstützte die wirtschaftliche Notlage der Heime und sie verhinderte, dass in den Jugendlichen andere Bedürfnisse hoch kamen. Alles was nur annähernd einen Jugendlichen auf Gedanken gebracht hätte, die in dem rigiden Wertevorstellungen der Erzieher nicht hinein passte war verboten. Dies hier alles aufzuzählen würde eine lange Liste ergeben deswegen erwähnen wir einmal, was erlaubt war. Nichts-was Jugendliche in ihren Bedürfnissen annähernd gebraucht hätten!

Ganz im Gegenteil, es gab in der Zucht und Ordnung Aspekte, die eher einer Regression Vorschub leisteten, als eine Unterstützung in dem "Erwachsen werden". Es ist wohl kaum anzunehmen, dass Jugendliche in dieser Zeit Zuhause abends auf den Nachttopf gehen mussten und auch tagsüber ihren Bedürfnissen nicht nach Notwendigkeiten nachgehen durften, sondern nach den Uhrzeiten die die Erzieher festlegten. Es ist auch kaum anzunehmen, dass die Jugendlichen "Draußen" nicht miteinander kommunizierten und ihnen ein Schweigeverbot auferlegt wurde. Sie haben sicherlich auch über ihren Lohn verfügen dürfen und wenn sie wie die Jugendlichen in den Erziehungsheimen so hart gearbeitet hätten, wäre der Verdienst auch nicht so karg ausgefallen wie bei den Heimkindern. Hier konnte man auch nicht von Verdienst reden, denn es gab ein armseliges Taschengeld von dem auch noch die Toilettenartikel u.a. bezahlt werden musste, so dass letztlich untern Strich nichts blieb.

Den Ehemaligen ist nicht nur Schule und angemessene Ausbildungen verwehrt worden, sondern ihnen ist das Lernen vorenthalten worden das notwendig war auf dem Weg zum "Erwachsen" werden.
Die Erfahrung des "Verliebt sein", sich auf den PartnerIN einzustellen, miteinander etwas zu unternehmen und füreinander da zu sein. Auch eigene Bedürfnisse in Form von Hobbys auszuleben war untersagt. Es herrschte Arbeit und Gebet vor, ein Leben das gewöhnlich Ordensleute führen, aber nicht Menschen, die so ein Leben für sich nicht wollen und ein Recht auf einen eigenen Lebensentwurf haben. Alles war fremdbestimmt in den Heimen, von den persönlichen Bedürfnissen wie Kleidung, Waschen, Aufstehen-Schlafen gehen, Arbeitsformen und Zeit etc. Eine Fremdbestimmung die keine persönliche Meinung duldete und Gegenwehr hart bestrafte.

In den Erziehungsheimen konnten wichtige Schritte auf dem Wege des Erwachsen Werdens nicht ausgelebt werden. Es gab keine Reibung zu Erwachsenen, die notwendig gewesen wäre und die Konfliktfähigkeit ausbildet, aber in der sich auch der Jugendliche lernt abzugrenzen. Notwendige Voraussetzungen zum Aufbau der Identität waren nicht vorhanden und stattdessen musste sich stillschweigend dem rigorosen Regiment der Erzieher untergeordnet werden. Wer da aufmuckte hatte mit drakonischen Strafen zu rechnen und machte lediglich eine wichtige Erfahrung, den Mund zu halten.
Gespräche, individuelle Förderungen waren in diesem System nicht vorgesehen und so mussten die Jugendlichen die bittere Erfahrung machen als wertvolles Individuum nicht existent zu sein. Selbstwertprobleme waren sicherlich vorprogrammiert und ziehen sich wie ein roter Faden auch nach der Entlassung aus diesen Fürsorgehöllen durch die weiteren Biografien.
Es verwundert nicht, wenn nach den Jahren dieser schwarzen Pädagogik unselbständige und gebrochene Menschen in die Volljährigkeit entlassen wurden und darauf nicht einmal vorbereitet wurden. In einem den Willen brechendes Disziplin- Unterordnungs- und Strafsystem konnte es keine Persönlichkeitsentwicklung geben und das "Scheitern" nach der Entlassung aus diesem System war die Folge oder ein jahrelanger Kampf um aus der Stigmatisierung und den Folgeschäden herauszukommen bzw. diese zu mildern. Ein Kampf für Lebensqualität und die eigenen Verhaltensweisen zu verstehen bzw. bewältigen.
Konfliktfähigkeit, sich in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen, Umgang mit Geld, Umgang mit dem Gegengeschlecht wurde nicht gelernt und wurde nach der Entlassung als Trial und Error erprobt und dabei war man auf sich alleine gestellt. Sowohl das Sozialverhalten aber auch die Arbeitswelt musste nun in langjährigen Prozessen entwickelt werden und wer sich hier einigermaßen etablierte, hat in dieser "Nachlernphase" ein Wunderwerk vollbracht. Aber es gibt bisher keine ausreichend gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse, die belegen, dass das eine Mehrheit der ehemaligen Heimkinder war. Aber auch wenn es gelungen ist hat diese Heimerfahrung den jungen Menschen viele Jahre der Entbehrungen gekostet und ist auch sonst nicht problemlos verlaufen und als verlorene Jahre anzusehen.

Heimalltag war nicht alleine die körperliche Gewalt, die vor einiger Zeit einen Leser veranlasste zu schreiben, ob er denn auch eine Entschädigung bekommen kann, weil seine Eltern ihn geschlagen haben. Nein Heimalltag bestand aus viele einzelnen körperlichen und seelischen Misshandlungen die zusammen die Summe ausmacht, die nicht einmal im Ansatz mit dem gesellschaftlichen Leben der damaligen Zeit vergleichbar ist und erst recht nicht dieser Zeit zugeschrieben werden kann. Da mag es einzelne Parallelen geben, aber entscheidend ist die Summe, die letztlich diese schwarze Pädagogik in einem anderen Lichte erscheinen lässt und über die schwarze Pädagogik oftmals hinausging und in Verbrechen überging. Verbrechen an Körper und Geist und Seele der ehemaligen Heimkinder und durch die Verhinderung der psychischen Entwicklung über Jahre anhaltende Schäden verursacht, die nicht durch andere Elemente kompensiert werden konnten.
Ein Säugling, oder Kind oder ein Jugendlicher außerhalb eines Heimes hatte auch bei "schlechten" Eltern gewisse Möglichkeiten, Nischen in der er flüchten konnte und auch "Normalität" erleben durfte. Sei es bei der übrigen Verwandtschaft, sei es in der Schule im Zusammenleben mit den Klassenkameraden und/oder auch Freunde gehabt zu haben. Alles das hatte ein Heimkind nicht, denn ein Heimkind war 24 Stunden im Heim unter den erwähnten Bedingungen und hat keine Welt außerhalb des Heimes kennen gelernt und somit auch keine Möglichkeit gehabt, sich dem Heimalltag zu entziehen.

Die Gründe für eine Heimeinweisung waren sehr vielschichtig, aber es sollte auch einmal hinterfragt werden was damals mit jenen Kindern/Zöglingen passierte, die aus Familien kamen in denen Gewalt an der Tagesordnung war, sexueller Missbrauch stattfand? Diese traumatisierten Erfahrungen jener Kinder/Jugendlichen wurden nun als erziehungsbedürftig eingestuft. So mussten diese Kinder/Jugendlichen die Erfahrung machen, für Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch im Elternhaus bestraft zu werden, es als ihre Schuld anzusehen, dass dies alles ihnen passiert ist. Sie machten eine grundsätzlich bedeutsame Erfahrung, nämlich diese nichts wert zu sein, wurden bestärkt in einem Bewusstsein schuldig zu sein-schuldig zu sein für Verbrechen der Eltern (Verwandte etc.). Sie hatten keine Chance über das was ihnen vor der Heimeinweisung passierte zu sprechen, denn nun mussten sie sich nahtlos einreihen in dem Heimalltag der von Zwängen beherrscht war, der es nicht möglich machte an dem eigentlichen Traumata heranzukommen oder es als solches wahrzunehmen. Hier ist ganz sicher schon der Grundstein für die dann sich durch das weitere Leben ziehende Erfahrung gelegt worden, weiter zu verdrängen und das Motto hieß: Du sollst nicht merken, Du darfst nicht spüren, Du darfst nicht fühlen. Du bist schuldig-denn Du bist hier in dem Fürsorgeheim-und Jeder der in der Fürsorgeanstalt war hatte etwas "verbrochen", nicht die Eltern bzw. die eigentlichen Täter. Hier hat sicherlich für einige/viele Jugendliche das Traumata zu einem chronischen Leiden geführt, denn es erschwert den Zugang zum eigenen Erleben und es erschwert Vertrauen zu Menschen zu bekommen, deren man über die frühen schlimmen Erfahrungen erzählen konnte.

Auch die Qualifikation der "Erzieher" war nicht wirklich geregelt. Es wurden zwar geeignete Kräfte" verlangt, aber was darunter zu verstehen war blieb offen. Tatsache war es so, dass keine pädagogische Ausbildung verlangt wurde und somit das Personal nicht die Qualifikation hatte überhaupt wahrzunehmen was für oftmals "eigenartiges Verhalten von Ehemaligen" (z.B. Bettnässen, Selbstverletzung, aggressives Verhalten etc.) gezeigt wurde und dies als ein Traumata wahrzunehmen. Es ist bekannt, dass "Bettnässen" auch ein Indiz für sexuellen Missbrauch ist und so mussten dann diese traumatisierten Kinder/Jugendlichen die Erfahrung machen, für diese Form von Symptomen auch noch weiter bestraft zu werden. Auch wenn damals sexueller Missbrauch noch ein Tabuthema war, hätte man diese traumatisierten Menschen anders "auffangen" können, wenn man sich für den biografischen Hintergrund dieser Kinder/Jugendliche interessiert hätte und sie nicht schon im Vorfeld als "erziehungsbedürftig" stigmatisiert.

Dies ist wohl ein fortwährend sich immer wiederholdender Gedanke: sich die Frage zu stellen, wieso musste ich in ein Erziehungsheim und was meinen andere Menschen dazu in deren Köpfen so etwas Ähnliches herum spukt wie: na irgendetwas müssen diese Jugendlichen ja schon angestellt haben um in so einem Heim gekommen zu sein.
Erika Tkocz

Quelle:
http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/06/29/1447/#comments

 

Warum frühere Heimerziehung entgegen weitläufiger Meinung nicht dem Zeitgeist entsprach.

Unter dem Titel:
Erziehungsheim und meine Gedanken dazu,
stellt Erika Tkocz die elementaren Unterschiede zwischen Heim- und häuslicher Erziehung heraus.