Teilbereich einer Festschrift, anläßlich des 100-jährigen Heimbetriebs der Gotteshütte in Kleinenbremen.


4. Der Tagesablauf im Heim


Vom Frühjahr an sind die gefiederten Sänger im Garten und den Bäumen des Hofes, der Kuckuck im Weserwald die ersten Wecker. Aber ebenso sind die 2 - 3jährigen Jungen im "Fröbelhaus", und auf der "Kleinen Station" die jüngsten Mädchen, bei Tagesanbruch schnell lebendig, nicht immer zur Freude der Erzieherinnen, denn rasch ist im Schlafsaal ein Gesumm wie im Bienenhaus.
Inzwischen hat in der Küche schon die Arbeit begonnen; der große Kessel mit Milchsuppe für alle Kinder muß in Gang kommen; und wo täglich 900 Brotschnitten gestrichen werden, muß die Brotmaschine schon beizeiten ihr Werk beginnen. Da auch Kühe Frühaufsteher sind, müssen die jeweiligen Stallmädchen pünktlich aus dem Bett, im Winter die Heizungsleute dazu. So hört man auf dem Hof bald das Klappern der Milcheimer, der Aschentonnen und die ersten Schwätzchen. Auch in den anderen Häusern regt sich's. Eine Gruppe hat vielleicht "Bettenbeziehen" und schleppt schon Decken und Matratzen auf Balkon oder Hof.

Ist etwa gerade Kartoffelernte, stampfen schon Liese und Lotte - unser stolzes Pferdegespann - mit den Hufen, und flink fährt der Wagen mit singenden Mädchen aufs Feld. Überall helfen große und kleine emsige Hände beim Tischdecken und Essen-Austeilen.
Punkt 1/2 8 Uhr wird die große Glocke zum ersten Mal geläutet, ein Amt, zu dem sich jedes Kind drängt.
Ein frisches Morgenlied, für die größeren Kinder wie die Erwachsenen eine kurze Morgenandacht stellt alle für den neuen Tag unter Gottes Wort und seinen Schutz. Dann wird fleißig gelöffelt. Zucht und Ordnung müssen sein, in der großen Gemeinschaft wie in jeder Familie; wer ein willensstarker Mensch werden will, muß es früh üben.
So soll jeder Teller säuberlich leer werden, gelegentlich auch mal mühsam unter Tränen.

Die schulentlassenen Mädchen verteilen sich dann auf die verschiedenen Stationen. Da hat's die Küche schon wieder entsetzlich eilig mit der Kocherei; es ist keine leichte Aufgabe, für über 200 Menschen jede Mahlzeit gut und pünktlich auf dem Tisch zu haben.

Die Landmädchen wandern mit ihren Geräten in den Garten oder aufs Feld, und mancher Schweißtropfen düngt dabei die fruchtbare rote Erde.

In der Waschküche wartet schon die Arbeit, hat das Heim doch jede Woche große Wäsche. Ein Glück, wenn die Sonne lacht, und die Waschküchenmädchen können auch lachend ihre großen Körbe auf Bleiche bringen, statt mühevoll auf die Trockenböden; an vielen Tagen muß stundenlang fleißig geplättet werden - wer wollte sonst wohl nächste Woche ohne Kleid oder Hemd gehen?

In allen Häusern kommen Besen, Wischeimer, Schrubber und Scheuerbürsten in Bewegung, manchmal fließen wirklich kleine Weserflüsse daher. Der Eifer ist vielfach groß, der Gründlichkeit und muß durch Erklärung, Aufsicht, machmal auch ein energisches Wort oder Wiederholung der Arbeit nachgeholfen werden. Bei allen Kindergruppen gibt's Bettenbauen, kleine Wäschen, reichlich zu nähen und zu stopfen, denn die vielen Kinderbeine zerreißen schon was.

Dafür können die Großen mit den Kleinen spielen, sie beschäftigen, was für heranwachsende Mädchen naturgemäß die liebste Arbeit ist.

Im Haupthaus wartet der Aufwasch, gleich so an die 100 Teller oder Becher - da kriegt man Übung -, immer soll ein großer Kessel heißes Wasser liefern, also Kohlen ran und stochern! Und nicht zu vergessen die vielen Hände in der Nähstube!

Da rattern 7 Nähmaschinen, trotzdem verschwindet der Berg auszubessernder Wäsche und Kleidung nie ganz.
Alle Fliednerhausmädchen sitzen einige Wochen in der Nähstube still und lernen vom einfachsten Stich an alle Näharbeit.
So manche seufzt über Knopflöchern und Flicken. Wer geschickter ist, darf bei den neuen Sachen helfen; immer sind umfangreiche Bestellungen da: für ein Gruppe neue Schulschürzen, für andere Sonntagskleider, dann wieder Ausstattungen für Pflegekinder - da reißt der Faden der Arbeit eben nie ab!

Um 8. 15 Uhr hat's aber schon wieder geläutet, zur Schule diesmal. Mit ihren Schulranzen und -taschen tritt die Garde der verschiedenen Jahrgänge an.

Da stehen die i-Männchen, noch etwas hampelig, aber übereifrig; einer muß schnell noch einmal die Tafel rausziehen und nachsehen, ob die mühsam gemalten Buchstaben noch vorhanden sind. Gleich darauf erschallt aus beiden Klassenräumen ein Choral, oft wahrhaft aus vollem Herzen geschmettert, wenn man ihn etwa als Wochenlied gut gelernt hat. Und dann wird wie in jeder anderen Schule gerechnet, gelesen, gestöhnt und gelacht.

Da gibt's auch Tadel, Strafarbeiten und Nachsitzen, es gibt aber auch lustige Geschichten, Wettzeichnen, Lichtbilder, Schulfunk, fröhliche Turn- und Handarbeitsstunden.

Eine Schulklasse hat erst nachmittags Unterricht, sie hat nun "Schrappen", d. h. muß den Berg Kartoffeln für die ganze Belegschaft schälen. Da kann man Meister des Fachs bewundern, so flott kann's nicht die flinkste Hausfrau.

Die vorschulpflichtigen Jungen und Mädchen haben inzwischen vergnügt gespielt, gebaut, Perlen aufgezogen oder auch ihren ersten Spaziergang ums Grundstück gemacht. Wie schön, wenn Sonne und Wärme einladen zum Spiel auf dem Hof, der Wiese, im Sandkasten und auf den Wippen. So geht für alle der Vormittag schnell herum. Eine halbstündige Frühstückspause unterbricht die Arbeit und stärkt die Gemüter. Schon werden wieder die vielen Tische gedeckt zum Mittagessen. Nachher müssen die kleinsten Mittagsschlaf halten.

Wir wollen einen kurzen Blick in das Büro, in das Zimmer der Leiterin und ihrer Hilfskräfte werfen. Da ist es erheblich leiser als in den Kinderräumen. Vielleicht keine Arbeit vorhanden? Oh doch! Wieviel Schreiberei muß täglich erledigt werden!
Da rappelt das Telefon, da geht die Schelle der Anmeldung: Vertreter wollen gehört werden, Waren kommen an, jeden Tag bitten etliche Bauern dringend um ein Mädchen als Arbeitskraft, Pflegereltern unsrer auswärtigen Kinder kommen zu Besuch, ein wandernder Geselle möchte einen Teller Essen, ein krankes Kind muß besucht und behandelt werden. Dann kommt ein dicker Stoß Post zur Durchsicht und weiteren Bearbeitung. Besorgungen in der Stadt, Verhandlungen mit Handwerkern sind notwendig. Sitzt die Leiterin endlich mal ruhig am Scheibtisch, kommt sicher jemand und will nur eben mal was fragen, oder ein kleiner Omnibus fährt vors Haus, kleine Purzel, einer nach dem anderen quellen heraus mit Lachen oder Weinen: ein Transport mit Neuaufnahmen! Gleich gibt's Arbeit. Manchmal kommt auch ein großer Wagen mit Frauenhilfsmitgliedern, die dem Heim einen Besuch abstatten wollen. So gehts den ganzen Tag. Also auch hier immer Hochbetrieb! Noch bleibt gelegentlich ein Viertelstündchen Zeit, sich von den Kindern auf dem Hof etwas Neues erzählen zu lassen oder ihnen Seifenblasen vorzumachen.

Am Abend wird's nach und nach stiller in der Gotteshütte. Gruppenweise ist an verschiedenen Wochentagen abends Andacht, am Mittwoch gar Gottesdienst mit feierlicher Vesper-Ordnung, Samstag und Sonntag vereinen sich alle im großen Speisesaal zur Schlußandacht. Selbst die Kleinsten können da stillsitzen und zuhören. Bald schläft das kleine Volk, die Schulmädchen versorgen getreu und gern ihre Ämter, im Fliednerhaus liest und handarbeitet man noch ein Stündchen, macht an sommerlichen Abenden Volkstänze oder spielt Völkerball.

Da werde die Bequemsten flink und gelenkig, manche Köpfe auch hitzig, bis der letzte Kampf ausgefochten ist un Ruhe nach dem Sturm eintritt. Abendlied und Gebet beschließen den Tag und lassen alle Einwohner der Gotteshütte unter dem Schutz des Herrn einen erquickenden Schlaf tun.