Von: Admin ex-heimkinder.de [mailto:Klaus@ex-heimkinder]
Gesendet: Sonntag, 10. Januar 2010 20:40
An: 'Kw.Ring@hkm.hessen.de'
Betreff: Nachfrage zur Heimkinder-Anhörung im Hessischen Landtag.

 

Sehr geehrter Herr Ring,

in der Hoffnung, dass diese Email, mit Ihnen als Gastredner anlässlich der Anhörung des Hessischen Landtags vom 29. Oktober zum Thema Unrechtsschicksal der Heimkinder der 50er- und 60er-Jahre, den richtigen Adressaten erreichen wird, bitte ich um Entschuldigung, Sie hiermit etwas überfallartig anzuschreiben.

Auf der anderen Seite hoffe ich, Ihr Verständnis zu finden, da Sie am Ende Ihrer recht überzeugenden Rede, ehemalige Heimkinder einluden, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.

Dieses freundliche Angebot möchte ich gern nutzen, um Ihnen ein persönliches Anliegen vorzustellen und würde mich sehr freuen, auch dann noch Ihr Gehör zu finden, obwohl ich biografiebedingt kaum Ihrem anvisierten Idealbild eines Betroffenen entspreche, der vor einem größerem Publikum seine 10- jährigen Heimerfahrungen ausbreiten könnte, sondern eher an Ihrer Meinung interessiert bin, wie Sie zu meinen nachfolgenden Gedanken stehen.

Doch zunächst möchte ich mich Ihnen kurz vorstellen.
Mein Name ist Klaus Klüber, bin 52 Jahre alt und wohne gemeinsam mit meiner Frau und zwei schulpflichtigen Kindern in Alzenau, Nähe Hanau.
Meine Tätigkeit als Hausmeisters unseres ortansässigen Gymnasiums bringt es mit sich, so manche Auswüchse unserer auseinanderstrebenden Gesellschaft wahrzunehmen und darüber nachzudenken, wie manch negativen Entwicklungen positiv begegnet werden könnte.
Eine Beschäftigung, die aufgrund meiner eigenen Heimaufenthalte, wegen häuslicher Vernachlässigung und schwerer Misshandlungen, in der Zeit von 1965 bis 1975 noch zusätzlichen Auftrieb bekam.

Obwohl ich meine Heimzeit ähnlich lieblos und teils gewalttätig erfahren habe, wie dies in den letzten Jahren auch von anderen Betroffenen ähnlich bekannt wurde, bin ich im heutigen Rückblick dennoch eher froh, damit einer voraussehbar perspektivlosen Zukunft entkommen zu sein.
Allerdings hat es sehr sehr lange gedauert, bis ich aus meinem regelrechten „Dornröschenschlaf“ erwacht bin und mir in Anbetracht meiner Biografie erstmals über das ganze Ausmaß meiner destruktiven Kinder- und Jugendzeit bewusst wurde.
Ein im wahrsten Sinn des Wortes erschreckendes Erwachen.

Seit dieser Zeit (2003) lässt mich das Thema Gewaltprävention nicht mehr los und kann kaum nachvollziehen, warum hinlänglich bekannte Leidenserfahrungen nicht längst schon zu durchgreifenden Konsequenzen geführt haben.

Denn wenn ich mir unsere gesellschaftliche Entwicklung mit jahrzehntelangen Geburtenrückgängen betrachte, dem entgegengesetzt kontinuierlich gestiegene Schutzanstrengungen für Kinder gegenüberstehen und dennoch die Kette vernachlässigter und misshandelter Kinder nie abgerissen ist, ja teils sogar noch weitere Steigerungsraten aufweist, dann kann ich (können Sie?) kaum zu einem anderen Schluss kommen als dem, dass nahezu alle bisherigen Präventionsbemühungen unsere Kinder noch immer viel zu spät, bis gar nicht erreichen.
Für eine hochkulturelle Gesellschaft wie wir uns gern selbst definieren, stellt so ein Ergebnis für meine Begriffe ein außerordentlich beschämendes Armutszeugnis dar, das geradezu nach Veränderungen schreit.

Nicht zuletzt, da ich davon überzeugt bin, dass sich grundlegende Verbesserungen erzielen ließen, wenn dazu nur ein aufrichtiges Interesse vorhanden wäre.
Doch ein solches Interesse, dem das Selbstverständnis einer humanistisch geprägten Gesellschaft zugrunde liegt, ist schlicht nicht vorhanden, sonst wären gängige Erkenntnisse über einen in sich selbst ruhenden Menschen, dessen innerer Friede gleichsam in der umgebenden Gesellschaft Widerhall findet, längt schon zum Segen künftiger Generationen von Kindern und damit Mitmenschen unumkehrbar in unser Bildungswesen eingeflossen.

Ich bin ehrlich gesagt entsetzt, wie gleichgültig staatstragende Verantwortliche zu dieser an sich recht einfach zu lösenden Aufgabe stehen.
Ja, bedauere hier zutiefst, dass die organisierten ex-Heimkinder bislang keine Bereitschaft zeigen, diese einmalige Chance öffentlicher Aufmerksamkeit, für solch ein wichtiges Anliegen zu nutzen, wie ich diese bisher auf meiner Webseite unter www.ex-Heimkinder.de, speziell unter der Rubrik Ziele und der darin enthaltende Abhandlung Bildungsnot angerissen habe.

Dabei schwebt mir in letzter Konsequenz die Einführung eines neuen Unterrichtsfachs, oder entsprechende Anpassungen in bestehende Lehrfächer vor, mit dem Kinder und heranwachsende Jugendliche möglichst früh und langfristig auf ihre verantwortungsvollen Aufgaben als Eltern von Morgen vorbereitet werden.
Denn meiner Überzeugung nach, müssten alle Aufmerksamkeiten in erster Linie darauf abzielen, möglichst jedes Kind vor destruktiven Eltern oder seelenlosen Heimaufenthalten zu bewahren.
Damit möchte ich gewiss nicht die unzähligen Errungenschaften in der modernen Heimerziehungspraxis in Frage stellen, sondern erwähne dies in Hinblick auf meine eigenen Empfindungen, die mir zeigen, dass selbst die geschundensten Kinder ihre Eltern/Familien weiter lieben und trotz noch so berechtigter Eingriffe, zutiefst unter der Trennungen ihrer Familien leiden. Lebenslang, auch wenn man es später rational verarbeiten kann.
Emotional bleibt stets ein schmerzhafter Stachel zurück.

Angesichts der Tiefe solch grundlegender Verletzungen ist mir völlig unverständlich, warum diese naheliegende Bildungsidee bislang weder von der Politik, Forschung, oder Sozialwesen aufgegriffen wurde. (Nein, keine Workshops, die reichen, wie z.B. vom Kriminologen Prof. Pfeifer angeregt, meiner Überzeugung nach nicht aus um bleibende Lerneffekte zu erzielen)
Dieses Desinteresse kann ich mir nur damit erklären, dass solche Menschen, die in unserem Land verantwortungstragende Stellen bekleiden, kaum nachvollziehen können, welche Folgeschäden die verschiedenen Facetten von Gewalt nach sich ziehen.
Im positiven Sinn möchte ich davon ausgehen, dass behütet aufgewachsenen Menschen eingedenk der eigenen glücklichen Kindheit, möglicherweise der notwendige Blickwinkel für die Beschwernisse ihrer Mitmenschen fehlt.

Geradezu tragisch, denn was ließe sich da neben der Förderung individueller Stärken und Neigungen, die zu einer echten Berufung führen, mit weiteren sinnvollen Inhalten, hinsichtlich ernährungs- und gesundheitsbewussten Verhalten, als auch Eigen- und Sozialverantwortungsbewusstsein., um nur mal einige Aspekte zu nennen, so viel Positives bewegen, wenn Bildung endlich den ihr zugedachten Zweck erfüllen würde, nämlich junge Menschen auf ihr eigenständiges, selbstgenügsames und damit wünschenswert erfülltes Leben vorzubereiten.

Verklärte Utopien verweichlichter Idealisten? Ich hoffe doch nicht, wenn wir uns darauf einlassen könnten, auch mal unkonventionelle Ideen zuzulassen.
Dann müsst es im Geiste eines basisdemokratischen Prozesses nur noch gelingen, neuere Ideen einer öffentlichen Diskussion zuzuführen und schon würden sich so manche Probleme nahezu von selbst auflösen.

Aber genau daran hapert es zurzeit noch, wenngleich die bisherigen Reaktionen meiner Mitmenschen zu meinen Ideen, überwiegend positiv geprägt waren/sind.
Zu denen sich übrigens auch Herr Professor Schrapper bekannte, dem ich diese Überlegungen bereits 2006 im Rahmen einer Fachtagung in Idstein vorstellte.

Da Sie sich in ihrer Rede als Fachexperte mit Herz empfahlen und zudem an exponierter Stelle im hessischen Kultusministerium „sitzen“, wollte ich wenigstens mal versucht haben, Sie auf mein Wirken aufmerksam zu machen, bzw. Sie fragen, ob und wenn ja, welche Chancen Sie erkennen, um derartige Ideen in die Öffentlichkeit zu tragen?

Mich würde hier besonders Ihre fachliche Meinung interessieren. Denn zu meiner Verwunderung gibt es nur wenige Menschen, die bereit sind und sich zutrauen, auf solch ein komplexes Thema einzugehen.
So zumindest meine bisherigen Erfahrungen, zu denen auch das niederschmetternde Ergebnis einer bundesweit durchgeführten Meinungsumfrage zählt, mit der ich mich mit Fragen zu Bildungsreformen an exakt 1102 Schulrektoren/Innen wandte.
Ich denke, Sie werden nachvollziehen können, wie viele offene Fragen das Ergebnis der 0,46% igen Rückantwortquote bei mir hinterlassen hat.
Zu finden unter der Rubrik Aktionen, wie ich auch noch weitere interessante Aspekte auf meiner Webseite zum Nachdenken dargestellt habe.
Doch möchte ich Ihre Aufmerksamkeit nicht ungebührlich strapazieren.
Im Wissen Ihrer gesellschaftlichen Stellung, weiß ich natürlich, dass Zeit für Sie ein kostbares Gut ist.
Ich finde es schon prima, wenn Sie mir bis hierhin Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben und würde mich außerordentlich freuen, bei passender Gelegenheit von Ihren Ansichten zu meinem Bildungsanliegen zu erfahren.

Da es hier um ein länger angelegtes Thema geht, hat Ihre mögliche Rückantwort gewiss keine Eile.
Insofern verbleibe ich einstweilen mit vorzüglicher Hochachtung.
und freundlichen Grüßen aus Alzenau

Klaus Klüber