Warnung vor Missbrauch persönlicher Leidensgeschichten durch
Presse, Fernsehen, aber auch Buchveröffentlichungen.

Liebe Mitmenschen, die ihr von Gewalt, Ausbeutung oder sonstigen Widrigkeiten betroffen seid.
Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, warum Ihr oft nach langer Selbstüberwindung den Schritt gewagt habt, Euer erfahrenes Leid einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen?
Meist handelt es sich um zutiefst persönliche, bis hin zu intimsten Offenbarungen, die so scham- und schmerzbesetzt waren, um sie über Jahre und Jahrzehnte hinweg verdrängt oder verschwiegen zu haben.
Worunter wiederum viele von uns Betroffenen gelitten haben, weil es Täterschaften ein Leichtes war besonders abhängigen Kinder gegenüber ihr krankes Weltverständnis, mit einem verinnerlichten Schuldbewusstsein einzuimpfen.
Logisch, da Kindern im Gegensatz zu uns Erwachsenen noch die vergleichende Weitsicht fehlt, um erlittenes Unrecht, in all seinen widerwärtigen Formen als solches zu erkennen.
Entsprechend verstört und unsicher zeichnet sich auch oft der weitere Lebensweg gewaltbetroffener Personen ab.

So dauert es ohne frühzeitiger und präventiv wirkender Aufklärung, wie ich diese schon seit Jahren reklamiere, leider viel zu lange, bis gewaltbetroffene Menschen realisieren, was zuvor erwachsene Menschen an ihnen verbrochen haben.

Insofern habe ich durchaus Verständnis, wenn im Rahmen der persönlichen Vergangenheitsbewältigung der Wunsch entsteht, auch der Öffentlichkeit die Gelegenheit zu bieten, ein wenig Anteil am eigenen Schicksal zu nehmen.
Die meisten Betroffenen dürften die Veröffentlichung ihrer Leidensgeschichten mit dem Wunsch verbinden, dass unsere Gesellschaft aus ihren Erfahrungen lernt, einen bewussteren und behutsameren Umgang mit Kindern zu pflegen.
Soweit alles gut und legitim.

Nur was aus solchen veröffentlichten Schicksalen gemacht wird, wie sie etwa in Filmen, wie "Und alle haben geschwiegen", ZDF. Siehe Link1, sowie Link2.

Oder wie in der WDR-Sendung: "Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie". Link3 zu sehen sind,
gleicht meiner Überzeugung nach fast immer einer weiteren Gewaltzäsur.
Die ich stets als gegeben erachte, wenn sich unsere Medien weitgehend darauf beschränken, die sensationsheischenden Anteile der einstigen Gewalt herauszustellen.
Immerhin dürfte hinlänglich bekannt sein, wie mit der Zurschaustellung sich überbietenden Gräueltaten die Betroffenheit von Lesern oder Zuschauern in gewinnträchtige Auflagen oder Einschaltquoten umgemünzt werden.

Diese unseligen Inszenierungen mögen zwar den einzelnen Gewaltbetroffenen zu einer gewissen Genugtuung verhelfen, da mit der öffentlichen Thematisierung ihrer "Geschichten" ihr erlittenes Leid anerkannt wird. Aber ist es den Preis wirklich Wert, den die Betroffenen damit zahlen müssen, wenn sie ihr Inneres schmerzhaft nach außen kehren müssen und nicht selten anschließend therapeutische Hilfen benötigen, um die erneut aufgerissenen Wunden zu versorgen?

Insbesondere frage ich mich, worin der gesellschaftliche Nutzen besteht, wenn innerhalb öffentlich aufbereiteter Biografien, den Lesenden, oder Zuschauern gegenüber, weder Hintergründe oder Ursachen solch tragischer Dokumentationen beleuchtet, noch zukunftsweisende Optionen angeboten werden, mit denen wenigstens schon mal der Versuch unternommen würde, um zukünftige potenzielle Opfer vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren?
Ebenso wie ein behandelte Thema erneut öffentlich aufgegriffen werden müsste, um den Fortschritt eingeforderter Veränderungen zu hinterfragen.
Und zwar möglichst mit einem Angebot an die Zuschauer/Leser verbunden, sich ein Stück weit selbst interaktiv wie z.B. durch Umfragen, oder Eingaben an verantwortliche Stellen zu beteiligen.
ERST DANN würden meiner Ansicht nach solche vorgeblich aufklärenden Dokumentationen Sinn machen und zu erwünschten Veränderungen beitragen.
Dies geschieht indes so gut wie nie.

Selbst dem renommierten Spiegelredakteur Peter Wensierski, der mit seinem skandalträchtigen Bestseller "Schläge im Namen des Herrn" deutschlandweit entrüstete Betroffenheit über das Schicksal einstiger Heimkinder auslöste, fehlte spätestens seit der Verleihung seines Verdienstordens jegliches Interesse, das nicht minder skandalträchtige Geschacher am Runden Tisch öffentlich zu thematisieren.
Denn bekanntlich befanden dort die gleichen Täterorganisationen aus Kirchen, Staat und Sozialwesen, über ihren eigenen Schuld- und Sühneanteil, gegenüber zutiefst verletzter Persönlichkeiten und damit gebrochener Biografien, die einst als Kinder innerhalb ihrer "Fürsorgeeinrichtungen" zerschunden wurden. Eben mit jenem skandalösen Schandergebnis, dass die einst Gepeinigten nun als Bittsteller vorstellig werden dürfen und sich heute im gesetzten Alter erneut demütigend erklären sollen, um für ein paar lächerliche Almosen ihre gegenwärtige Bedürftigkeit nachzuweisen, mit dem sie für ihr einst erlittenes Unrecht abgespeist werden sollen.

Wobei sie weder einen Rechtsanspruch noch eine Barauszahlung möglicher Sachwert-, oder Therapieaufwendungen geltend machen dürfen. Deren Gegenwert höchstens 10000 Euro betragen darf. In der Regel aber kaum mehr als einen Sachwert in Höhe zwischen 5000 bis 6000 Euro ausmacht.

Unglaublich, wenn man sich vor Augen führt, dass die einst verantwortlichen Leidensverwalter/innen mit üppigsten Pensionsansprüchen und ehrenden Auszeichnungen versehen, heute unbehelligt ihren angenehmen Lebensabend verbringen, während ein großer Teil ihrer einstigen Mündel heute aufgrund ihrer einst "genossenen Obhut" (ironisch gemeint) unter erbärmlichen Bedingungen ihr entbehrungsreiches Dasein fristen.
Womit ich einmal mehr herausstellen möchte, dass unsere staatlichen, kirchlichen wie eben auch sozialen Verantwortungsträger in unseliger Symbiose gemeinsam entschieden haben, diese nach dem Krieg bedeutsamste Opfergruppe innerhalb unseres Landes ohne angemessene Entschädigung sich selbst zu überlassen.
Einfach schauderlich erbärmlich, zu dessen Skandal nahezu die gesamtdeutsche Presse schweigt, weil dieses Kapitel nichts mehr hergibt, mit dem noch Quoten und Profite erzielt werden könnten.

Auf der anderen Seite ist mir inzwischen aufgefallen wie unsere Medien in immer gleichförmig anspruchslosen Sendeformaten Skandale aufgreifen, ohne den Betroffenen oder Publikum realistische Hilfen anzubieten.
Daher möchte ich an alle Betroffenen appellieren, Euch nicht mehr als Quotenerfüllungsgehilfen erneut missbrauchen zu lassen, sondern stellt verantwortlichen Redakteuren, die an Euren Leidensgeschichten Geld und Ansehen verdienen, Sendebedingungen.
Diese sollten bei einer seriösen Dokumentation stets den Hintergrund von Ursachen beleuchten, als auch Optionen an die Zuschauer/Leser beinhalten, gegenüber sozialen und staatlichen Verantwortungsträgern Maßnahmen einzufordern die sicherstellen, dass künftige potenzielle Opfer vor ähnlichen Erfahrungen mit allen erforderlichen Mitteln bewahrt werden.
Am sinnigsten mit präventiv wirkender Aufklärung, wie sie in unseren Bildungseinrichtungen konsequent als Pflichtfach erhoben werden müsste.

Berücksichtigt diesen Aspekt bitte auch in möglichen Buchveröffentlichungen, damit auch zukünftige Kindergenerationen noch einen bleibenden Nutzen von unseren Erfahrungen haben und wir eine Tages in der Zuversicht die Augen schließen können, dass all unser erfahrenes Leid am Ende nicht gänzlich umsonst gewesen ist.

Mit besten Dank für Eure Aufmerksamkeit

Klaus Klüber
Alzenau, den 19. 10. 2014