Betr.: Vorschlag zur Einführung eines Pflichtschulfachs

 

Sehr geehrter Herr Abgeordneter

mit Schreiben vom 25.03.2008 haben Sie die Anfrage von Herrn Klüber nach Einführung eines neuen Pflichtschulfachs, das die Bereiche Gewaltprävention, Eigen- und Sozialverantwortungsbewusstsein sowie Elternvorbereitung umfasst, an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus mit der Bitte um Prüfung weitergeleitet. Gerne nehme ich im Folgenden aus bayrischer Sicht zu den von Herrn K. angesprochenen Punkten Stellung.


Eigen- und Sozialverantwortungsbewusstsein / Elternvorbereitung

Der in Art 131 BV sowie in Art. 1 und 2 BayEUG verankerte Bildungsauftrag weist den Schulen und damit auch allen Fächern eine wichtige Aufgabe bei der Charakter- und Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler zu. Hierzu zählt nach Art 2 Satz 1 BayEUG auch, "die Schülerinnen und Schüler zur gleichberechtigten Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten in Familie, Staat und Gesellschaft zu befähigen, insbesondere Buben und junge Männer zu ermutigen, ihre künftige Vaterrolle verantwortlich anzunehmen sowie Familien- und Hausarbeit partnerschaftlich zu teilen".
Die unten stehenden Beispiele aus den Schularten zeigen, wie die oben genannten Themenbereiche in den betreffenden Fachlehrplänen verankert sind. Darüber hinaus werden in zunehmenden Maß schulübergreifend sog. Lebenskompetenzprogramme zur Prävention von Sucht, Aids, Missbrauch und Gewalt eingesetzt (z.B. Erwachsen werden, LIZA, ALF, Mit mir nicht! etc). Im Mittelpunkt steht dabei stets die Persönlichkeitsentwicklung.

 

Grundschule
Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Grundschule beinhaltet mehr als die Vermittlung von Wissen:
Die Grundschule will die Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. In einer Atmosphäre des Vertrauens und der Anerkennung sollen die Kinder Selbstwertgefühl, Eigenverantwortung und eine bejahende Lebenseinstellung für ihr späteres Erwachsenenleben aufbauen. Darüber hinaus werden soziale Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft oder Konfliktfähigkeit gefördert und grundlegende Werte menschlichen Zusammenlebens vermittelt. Dies findet zum einen im Unterrichtsalltag statt. Zum anderen greifen konkrete Lehrplaninhalte der einzelnen Fächer in allen Jahrgangsstufen diesen Bereich auf (Heimat- und Sachunterricht; Deutsch: v.a. Lesestücke; Religionsunterricht; Ethik). Die Inhalte des Lehrplans knüpfen an die Erfahrungswelt der Kinder an.
Die Auswahl der Inhalte orientiert sich an den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen, eröffnet den Kindern einen Zugang zur Natur, Kultur, Zivilisation Technik und zur gesellschaftlichen Wirksamkeit.

 

Hauptschule
Beispielhaft sei hier das Fach Hauswirtschaftlich-sozialer Bereich der Hauptschule genannt, wo sich die Schüler in der Jahrgangsstufe 8 z. B. mit der Aufgabe befassen, Säuglinge und Kleinkinder zu betreuen. In einem begrenzten Rahmen lernen sie Verantwortung zu tragen. Sie lernen einfache Maßnahmen der physischen und psychischen Betreuung kennen und umsetzen und sie sollen sensibel werden für die spezifischen Bedürfnisse des Kindes. Sie versuchen, Geborgenheit und Sicherheit zu geben, sind sich ihrer Verantwortung bewusst und sehen ein, dass Verlässlichkeit erforderlich ist.

 

Realschule
In der geltenden Stundentafel für die vierstufige Realschule (R 4) ist das Fach Erziehungskunde in Jahrgangsstufe 10 enthalten. In der neuen Stundentafel für die sechsstufige Realschule (R 6) wurden die Unterrichtsfächer Erziehungskunde und Biologie aufgrund der inhaltlichen Parallelen zusammengelegt zum Fach "Biologie mit Inhalten der Erziehungskunde" (Jahrgangsstufe 10), wobei die erziehungskundlichen Themen übernommen und - soweit möglich und sinnvoll - Fächerinhalten der Biologie zugeordnet wurden.
Neben diesem für alle Schüler verpflichtenden Unterricht besteht die Möglichkeit, sich im Rahmen des Wahlpflichtunterrichts Sozialwesen noch intensiver mit diesem Fachbereich zu beschäftigen.

 

Gymnasium
An den Sozialwissenschaftlichen Gymnasien wird im Rahmen der Sozialpraktischen Grundbildung in der Jahrgangsstufe 11 dem Themenbereich "Das Kind: Entwicklung und Erziehung im sozialen Umfeld" in besonderer Weise Rechnung getragen. Bei der Beschäftigung mit diesem Themenbereich sollen die Schüler erkennen, dass Erziehungsbedürftigkeit und Erziehungsfähigkeit wesentliche Merkmale des Menschen darstellen. Sie begreifen, das Erziehung und Entwicklung komplexe Vorgänge sind, die von Anlagen, sozialen Gegebenheiten und normativen Vorstellungen bestimmt werden. Vertieft setzen sie sich mit dem Lebensraum Familie und der Rolle der Erzieher auseinander und erfassen Auswirkungen der Erziehung auf die kindliche Entwicklung. Den Schülern soll so bewusst werden, dass die Kindheit einen zentralen Lebensabschnitt in der Entwicklung des Menschen zur Persönlichkeit darstellt. Die Erkundung sozialpädagogischer Institutionen vermittelt den Schülern dabei u. a. den notwendigen Praxisbezug, verschafft ihnen Einblicke in Berufsfelder und soll sie befähigen, verantwortungs-bewusstes erzieherisches Handeln zu entwickeln. Ab dem kommenden Schuljahr (Jahrgangsstufe 9 im G8) sieht der Lehrplan für Sozialpraktische Grundbildung den Themenbereich "Kindheit und Entwicklung" bereits in Jahrgangsstufe 9 vor.

In den Lehrplänen für die Fächer Katholische Religionslehre, Evangelische Religionslehre und Ethik für das achtjährige Gymnasium finden sich in jeder Jahrgangsstufe Themenblöcke, die im Hinblick auf Alter und Entwicklungen zur Reflexion der eignen Situation in Familie, Schule und Gesellschaft geben und Hilfen für eine positive Bewältigung der Entwicklungsaufgaben im jeweiligen Alter geben.
Der Aspekt der Herzensbildung ist darüber hinaus in allen Bereichen des Religions- und Ethikunterrichts aller Schularten präsent.

 

Berufliche Schulen
In der beruflichen Bildung ist die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung integrativer Bestandteil des jeweiligen Bildungsgang. Dazu dient die Entwicklung des beruflichen Selbstverständnisses ebenso wie die Vermittlung der fachlichen und allgemeinbildenden Lerninhalte. Im Rahmen der dualen Berufsausbildung wird besonderer Wert auf die Förderung von Charakter, Herz und Verstand gelegt.
Einen besonderen Stellenwert hat die Persönlichkeitsentwicklung in den sozialpflegerischen Berufen, z.B. in der Ausbildung zum/zur "Staatlich geprüften Kinderpfleger/-in" und zum/zur "Staatlich anerkannten Erzieher/-in".
Persönlichkeitsentwicklung und Herzensbildung sind bei den sozialpflegerischen Berufen ausbildungsimmanent. Ohne eine Herzensbildung wäre eine, für die Ausübung dieser Berufe unabdingbare, humanistische, den Menschen zugewandte Sichtweise nicht zu vermitteln.

In den sozialpflegerischen Berufen erfolgt die Ausbildung handlungsorientiert im Rahmen von Lernfeldern mit Schwerpunkt auf Förderung der Persönlichkeitsentwicklung.
In der Ausbildung im "Sozialpädagogischen Seminar" an den Fachakademien für Sozialpädagogik werden z.B. in den einzelnen Lernfeldern Kompetenzen und Fähigkeiten vermittelt, die der eigenen Entwicklung der Persönlichkeit dienen. Diese sind aber ebenso an der individuellen, persönlichen Entwicklung der später zu betreuenden Kinder und Jugendlichen orientiert.
Die Forderung nach verstärkter Erziehungskompetenz ist von besonderer Bedeutung, was nicht nur die in der Öffentlichkeit diskutierten spektakulären Einzelfälle zeigen. Ein Fach bzw. Fachinhalte "Erziehungskunde" existiert deswegen an der Realschule, inhaltlich ähnlich ausgerichtet sind Teile des Hauswirtschaftlich- sozialen Bereichs an der Hauptschule. Allerdings ist zu bedenken, dass die Schule nur bedingt der alleinige und richtige Ort zu deren Vermittlung ist: Erst ab einem bestimmten Alter werden erzieherische Fragen und Aspekte der Familienplanung für junge Leute interessant, am Gymnasium sind sie dann in der Regel in der Oberstufe, in anderen Schularten oft gar keine Schüler mehr. Zur Vermittlung von Elternkompetenzen gibt es deswegen im Rahmen der Eltern- und Familienbildung bei freien Trägern (Volkshochschulen, BRK, kommunale Familien- und Erziehungsberatungsstellen, Einrichtungen der Jugendhilfe) hierzu speziell ausgerichtete Kursangebote.

 

Gewaltprävention
Zur Unterstützung der Schulen fördert die Bayrische Staatsregierung seit mehr als einem Jahrzehnt zahlreiche Projekte und Vorhaben finanziell, konzeptionell und personell. Als herausragende Initiativen zum Sozialen Lernen sowie zur Prävention gegen Gewalt laufen schwerpunktmäßig im Bereich des Kultusministerium derzeit gut 20 landesweite Programme:,

"PIT - Prävention im Team", - "Mit mir nicht!" - "Lions Quest/ Erwachsen werden", - "Faustlos",

als herausragende Exempel, und , nur um einige weitere Beispiele zu nennen:

"Buddy-Programm"
, - "ALF", - "Eigenständig werden", - "Stark sein: Ein Leben ohne Sucht und Gewalt",

"Kriminalpräventiver Unterricht an der Grund- und Hauptschule" und "Zsammgrauft".


Die Schulen können hier also bedarfsgerecht auswählen, die Notwendigkeit eines Pflichtschulfachs ist folglich nicht gegeben und der Wunsch danach wurde von Schulseite bisher nicht an uns herangetragen.


Sehr geehrter Herr Abgeordneter, im Falle von weiteren Fragen im Blick auf das Anliegen von Herrn Klüber stehen wir Ihnen gerne unter oben angegebener Telefonnummer zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Markus W. ..........
Ob
erstudienrat

Antwortschreiben des Bayerischen Kultusministeriums an den Bundestagsabgeordneten Herrn Lehrieder