
Welchem
Zweck dient/e unser Bildungswesen?
Eine kritische Analyse vom Anfang bis zur Gegenwart
Ein Gastbeitrag von Jules
van der Ley vom
20. Mai 2009
http://abcypsilon777.blog.de/2009/05/20/ohnmacht-federkiels-macht-tasten-6142736/
1 - Herrschaft über Kommunikationsmittel sichert Macht über
Köpfe
Wer demnächst zur Europawahl ins Wahllokal geht, um auf dem Wahlzettel
sein analphabetisches Kreuzchen zu machen, darf natürlich kein Analphabet
sein, denn die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben ist schon erforderlich,
wenn man an einer Alphabetkultur gesellschaftlich teilhaben will. Das gilt
besonders für die Teilhabe an einer demokratisch organisierten Kultur.
Die demokratische Teilhabe ist nicht selbstverständlich und steht auch
nicht am Anfang der Entwicklung unserer Alphabetkultur.
Noch Ende des 19. Jahrhunderts war Geläufigkeit im Lesen und Schreiben
nicht das erklärte Bildungsziel. 1872 schreibt der preußische
Konsistorialrat Münchmeyer:
"Wo keine Lust zum Lesen ist, rege man sie nicht
an. Es ist nicht zu wünschen, dass der Bauer Zeitungen liest, auch
das Verlangen nach guter Lektüre soll, wenigstens unter Landleuten,
nicht hervorgerufen werden."
Im Jahr 1878 schreibt Staatsminister Hofmann anlässlich der ersten
Beratung des Gesetzentwurfes zur Abwehr sozialdemokratischer Ausschreitungen
im Reichstag:
"Wie leicht wird ferner all der gute Samen, den
die Schule in das jugendliche Gemüt gestreut hat, zerstört und
ausgerottet, wenn der junge Mann von dem Lesen, das er in der Schule gelernt
hat, in der Weise Gebrauch macht, dass er sozialdemokratische Blätter
studiert, wenn er etwa von seiner Fähigkeit im Schreiben (
) Gebrauch
macht, um selbst Artikel in sozialistischen Blättern zu schreiben (
)"
Der Buchwissenschaftler August Demmin beklagt 1890, die Schreibmaschine
werde "an den Grenzen Russlands aber, durch die bekannte Unwissenheit
der russischen Beamten als 'revolutionäres Werkzeug' in Beschlag genommen."
Hier hatten die russischen Beamten anscheinend größeren Weitblick
als Demmin.
Die Angst der herrschenden Klasse, der einfache Landmann oder lohnabhängige
Arbeiter könnte über das Lesen mit subversivem Gedankengut in
Berührung kommen oder sogar seine Meinung schriftlich äußern
und verbreiten, ist noch größer als der ökonomische Zwang
zur schriftlichen Kommunikationsfähigkeit aller Bevölkerungsschichten.
Der mit Beginn des 20. Jahrhundert sich abzeichnende Sinneswandel im staatlichen
Bemühen um allgemeine Literalität und Bildung ist kein Akt der
Menschenfreundlichkeit, sondern folgt ökonomischen Zwängen. Die
sich rasch entwickelnde Wirtschaft benötigte Arbeiter, die Bedienungsanleitungen
lesen konnten, Büroangestellte für die Korrespondenzen, Wissenschaftler
und Ingenieure in großer Zahl, um die technische Entwicklung voranzutreiben.
Und doch wurde die allgemeine Lese- und Schreibfähigkeit auch weiterhin
als Bedrohung der Machtverhältnisse empfunden.
Demzufolge wurde in der Gewaltherrschaft des 3. Reiches die Presse geknebelt
und dem Propagandaministerium unterstellt, doch die Nationalsozialisten
setzten noch stark auf das Akustische und Theatralische, auf Massenkundgebungen
und Aufmärsche als mediale Mittel. Dabei sind der Verbreitung von Botschaften
natürliche Grenzen gesetzt, weshalb Joseph Goebbels den Volksempfänger
werkeln ließ. Er sollte in erster Linie propagandistischen Zwecken
dienen. Doch dass sich ein Massenmedium auch in einer brutalen Diktatur
nicht vollends kontrollieren lässt, zeigte das in den letzten Jahren
des 2. Weltkriegs trotz Verbots und Strafandrohung aufkommende Abhören
der Feindsender, wobei man sich vorsorglich eine schalldämmende Decke
über den Kopf zog und darunter am Radio lauschte, im Volksmund: "Englischinhalieren".
2 - Kontrollierter Neubeginn
Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches regten die westlichen Alliierten einen
demokratisch kontrollierten Öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach Vorbild
der englischen BBC an. Zudem schufen sie in ihrem Einflussbereich eine Presselandschaft,
mit der sie ein Mindestmaß an Meinungsvielfalt sichern wollten, indem
sie in den Städten und Regionen je eine rechtskonservative und eine
linksliberale Zeitung ins Leben riefen. Die Lizenzen dazu vergab man an
Verleger. Es waren in der erblühenden Bundesrepublik gleichsam Lizenzen
zum Gelddrucken.
Indem man also die Presse an Kapitaleigner übergab und sie nicht etwa
genossenschaftlich oder selbstverwaltet organisierte wie den Rundfunk, legten
die westlichen Siegermächte eine marktwirtschaftliche Orientierung
der Zeitungen fest und eine damit einhergehende Staatstreue. Das beinhaltete
eben nicht nur ein Bekenntnis zur Parteien-Demokratie, sondern sicherte
eine Vormachtstellung der politischen Klasse und der Wirtschaft. Die Herstellungskosten
einer Zeitung wurden und werden nämlich durch den Verkaufspreis nicht
gedeckt, so dass ein Printerzeugnis nur bestehen kann, wenn man sich die
Anzeigenetats der Unternehmen sichert. Wer wollte da durch allzu kritische
Berichterstattung wichtige Anzeigenkunden verprellen. Und auch bei der journalistischen
Bewertung von Tun und Lassen der politischen Elite ist Vorsicht und Fingerspitzengefühl
geboten, denn wenn eine Zeitungsredaktion einmal in Ungnade gefallen ist,
bekommt sie kein Interview mehr, und es werden ihr wichtige Informationen
vorenthalten. Besonders die Lokalpresse befindet sich hier stets in einem
Zwiespalt wegen der Nähe zu örtlich ansässigen Unternehmen
und deren Vernetzung zu lokalen Politikern aller bürgerlichen Parteien,
deren Willfährigkeit man sich durch Parteispenden und Protektion erkauft.
Die Kontrolle des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks funktioniert anders.
Hier sichern sich die Parteien und Verbände den Einfluss durch die
Besetzung des Rundfunkrats. Es sollen zwar alle wichtigen gesellschaftlichen
Gruppierungen dort vertreten sein, doch seit Bestehen der Bundesrepublik
haben die bürgerlichen Parteien ihren Einfluss auf die Rundfunkräte
immer weiter ausgedehnt, mit dem Ergebnis, dass heute alle Führungspositionen
der Öffentlich-rechtlichen Anstalten in Redaktion und Verwaltung nach
dem Parteienproporz besetzt werden.
Die allzu staatstragende Presse geriet erstmals in der 68er-Bewegung unter
Druck, spektakulär durch die Proteste der Außerparlamentarischen
Opposition (Apo) gegen die Bildzeitung. Aber auch die seriösere bürgerliche
Presse wurde stark kritisiert mit Ausnahme der Frankfurter
Rundschau, die von 1945 an sozialistische und gewerkschaftliche
Positionen vertreten hatte.
In den 70er Jahren entstand eine erste produktive Gegenbewegung zu den etablierten
Medien. In fast allen großen Städten gründeten sich links-alternative
oder links-anarchistische Stadt- und Stadtteilzeitschriften, eine Spätfolge
der Studentenbewegung von 1968. Die meisten mussten aus wirtschaftlichen
Gründen wieder aufgeben oder wandelten sich über die Jahre zu
Hochglanz-Stadtillustrierten mit Gastro- und Shopping-Führern, Kleinanzeigen
und Veranstaltungs-Tipps. 1978 entstand auch die linke überregionale
TAZ. Sie ist bis heute das einzige erfolgreiche selbstverwaltete Projekt
von Belang.
Gewinneinbußen und das Aufkommen neuer Satztechniken in den 70er Jahren
zwangen auch die etablierte Presse zu Umstrukturierungen und Fusionen, viele
Zeitungen verloren ihre Eigenständigkeit oder wurden eingestellt. Ehemals
politisch unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen erschienen in einem Verlagshaus,
wurden in Teilen redaktionell zusammengelegt oder bekamen sogar einen gemeinsamen
Chefredakteur, beispielsweise die Aachener Nachrichten und die Aachener
Zeitung.
Im Jahr 2003 geriet die deutsche Presselandschaft in ihre bislang schwerste
wirtschaftliche Krise, in deren Folge sich die Pressekonzentration
verschärfte und viele Journalisten arbeitslos wurden. Allein die Frankfurter
Rundschau strich damals 130 Stellen, was ihr jedoch nicht half. Innerhalb
von drei Jahren sank die Zahl der Beschäftigten von 1700 auf 750. Im
Jahr 2006 erwarb das Verlagshaus DuMont die Mehrheitsbeteiligung, 2007 wurde
die FR auf das Tabloid-Format verkleinert, was sich zwangsläufig auf
die Inhalte und die Länge der Texte auswirkte. Als überregionale
linke Tageszeitung hatte die FR schon länger mit Schwierigkeiten zu
kämpfen gehabt. Im Jahr 1996 sagte der damalige Verlagsleiter Utz Grimmer,
er sei gar nicht glücklich über das linke Image der Frankfurter
Rundschau. Die potentiellen Werbepartner teurer Artikel würden ihm
sagen: "Warum sollen wir in Ihrer Zeitung annoncieren? Die wird doch
nur von linken Oberstudienräten gelesen, und die kaufen unsere Produkte
nicht."
Zusammenfassend lässt sich sagen: Was als von den westlichen Alliierten
verordnete kontrollierte Pressevielfalt begonnen hat, ist aus verschiedenen
Gründen zu einem weitgehend einheitlich ausgerichteten Zeitungsmarkt
verkommen. Das liegt nicht allein an der Pressekonzentration. Ein wesentlicher
Grund ist der zunehmende Einfluss der Verlagskaufleute auf die redaktionelle
Arbeit. Aus Sorge um ihren Arbeitsplatz unterwerfen sich Journalisten und
achten darauf, dass ihre Zeitung ein anzeigenfreundliches Umfeld bietet.
Das Ergebnis aller Faktoren ist eine Beschränkung der Themen, eine
einseitige Behandlung gesellschaftlicher Sachverhalte, die Vermischung von
Nachricht und Kommentar zum Zwecke der Meinungsmache, die Filterung von
Nachrichten, das Aufbauschen des Banalen, das voneinander Abschreiben -
und alles zusammen bedingt den Verlust an Glaubwürdigkeit.
So haben fast alle Zeitungen mindestens im Wirtschaftsteil über Jahre
hinweg einen strammen neoliberalen Kurs gefahren und wurden erst wach,
als die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr zu leugnen war. Es liegt
also nicht allein am Internet, wenn sich Leser von den Printmedien abwenden,
sondern auch an der empfundenen Kumpanei zwischen den Redaktionen und den
gesellschaftlichen Macht-Eliten und deren Vorgaben.
Hier soll nicht generell das ehrliche Bemühen vieler Journalisten um
saubere und kritische Arbeit bestritten werden. Ihretwegen hat die Presse
noch immer eine wichtige politische und gesellschaftliche Kontrollfunktion
und ist in diesem Sinne unverzichtbar. Doch die genannten negativen Einflüsse
mindern insgesamt ihre Kraft, und in diese Phase der Schwächung des
gealterten und maroden Mediums tritt seit einigen Jahren ein neues Medienverhalten.
Viele sind nicht mehr zufrieden damit, sich die tägliche Bevormundungsration
aus dem lauen morgendlichen Zeitungsbad zu holen, sondern stellen sich aus
dem Internet ihr eigenes Programm zusammen, sind ihre höchsteigenen
Redakteure ohne Zensurschere im Kopf. Sie wollen nicht mehr nur Leser und
Rezipienten sein, nicht mehr wie Ochsen an einem Karren angebunden durch
eingefahrene Spuren trotten. Sie wollen eigene gedankliche Weg gehen, Schreiber,
Produzenten und schöpferische Gestalter sein, und hier stellt ihnen
das Internet vielfältige Möglichkeiten bereit, die dem Printmedium
weit überlegen sind.
3 - Erstickte Bildung
Wir wollen noch einmal in die zweite Hälfte der 70er Jahre des letzten
Jahrhunderts zurückkehren und den anderen Aspekt dieses Beitrags betrachten,
die Bildung. Wir haben zuvor gesehen, dass Bildung immer unter dem Diktat
der jeweiligen Machtverhältnisse steht und die Bildungsinhalte ebenso
stark von den Bedürfnissen und Erfordernissen der Wirtschaft abhängen.
Konkret: Auch in unserer Demokratie nehmen Interessensvertreter aller wichtigen
gesellschaftlichen Gruppen starken Einfluss auf die Lehrpläne, entscheiden
also mit, was an den Schulen und Hochschulen gelehrt wird. Hier üben
besonders die Interessensvertreter der Wirtschaft starken Druck aus, damit
ihre späteren Arbeitnehmer über die erforderlichen Qualifikationen
verfügen.
Die Entscheidung über Ausbildungswege, Stoff- und Lehrpläne sind
immer Zukunftsentscheidungen, und da niemand die Zukunft kennt, die Entwicklungen
aber immer rascher voranschreiten, muss in viele Richtungen geforscht werden,
was gleichsam bedeutet, dass die Hochschulen nicht wertfrei arbeiten, also
nicht Wissenschaft um ihrer selbst willen betreiben. Das gilt zumindest
für jene Fachrichtungen, die sich mit gesellschaftlich und ökonomisch
relevanten Themen beschäftigen. Die Freiheit von Bildung und Forschung
ist eine Fiktion. Viele Forschungsvorhaben werden von der Wirtschaft initiiert
und finanziert, und keine Universität könnte ohne diese Mittel
auskommen.
So ist auch die Bildungsforschung natürlich nicht wertfrei. Es gab
in der Bildungsforschung der 70er Jahre zwei Hauptströmungen.
- Im Sinne der Wirtschaft entwickelte man das programmierte Lernen, ein
Lernen also, das den Menschen wie eine Maschine auszurichten trachtet. Klassische
Beispiele sind das Lernen nach dem Multiple-choice-Verfahren, wo nur zwischen
richtigen und falschen Antworten entschieden werden muss (man kennt es noch
vom Unterrichtsmaterial in der Fahrschule oder von "Wer wird Millionär?"
bei RTL) und die Sprachlabors, in denen Lernende isoliert in Kabinen sitzen
und über Kopfhörer und Mikrophon mit dem Ausbilder verbunden sind.
Ich sage bewusst nicht Lehrer, denn ein Lehrer ist kein Dompteur und ein
Schüler kein wildes Tier im Käfig, das es zu dressieren gilt.
Das programmierte Lernen erlaubt kein eigenes Denken, erfordert und trainiert
kein Sozialverhalten, sondern fördert das Konkurrenzdenken. Es vermittelt
keine wirkliche Bildung.
Die Versuche mit dem programmierten Lernen scheiterten, der Mensch ist eben
kein Computer. Es wurde bald deutlich, dass der immer komplexer werdende
Arbeitsalltag selbstständiges Denken verlangt sowie die Fähigkeit
der Kooperation und zur Teamarbeit.
- Die zweite Strömung war emanzipatorisch. Im Zuge der 68er-Bewegung
waren die reformpädagogischen Ansätze vom Beginn des 20. Jahrhunderts
wieder entdeckt worden, Montessori- und Waldorfpädagogik, die antiautoritäre
Pädagogik des A.S. Neill in Summerhill, die Ideen des Célestin
Freinet, der den Buchdruck in den Unterricht einbezog, die Kunsterzieherbewegung,
die das Musische betonte, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Eine
moderne Entwicklung ging von Hartmut von Hentig aus (Laborschule Bielefeld).
Rückblickend kann man sagen, dass unter dem Einfluss der emanzipatorischen
Pädagogik die Paukschule sich wandelte, alle Strömungen aufnahm
und auf diese Weise natürlich nivellierte, was eine Phase der mäßigen
pädagogischen Freiheit einleitete, die jedoch rasch wieder versandete.
Denn es mangelte ihr an Effizienz im Sinne von Wirtschaft und Politik. Allzu
frei sollte der Mensch dann doch nicht denken. Solche Menschen sind schwer
anzuleiten, schlecht zu instrumentalisieren und schwierig zu regieren.
Die Reformideen versandeten auch, weil in den 80er Jahren die Mittel für
Bildung massiv zusammengestrichen wurden. In der Folge wurden über
ein Jahrzehnt kaum noch neue Lehrer eingestellt, was nicht nur bedeutete,
dass die Klassen immer größer wurden. Die Schulen waren auch
vom pädagogischen Nachwuchs abgeschnitten, der mit neuen Ideen und
Erkenntnissen der Hochschulen ausgestattet war. Das von Titanic-Zeichner
Hans Traxler für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
geschaffene Plakat "Unser
Jüngster wird 50!" ironisiert eine weitere Folge: Der
Altersabstand zwischen Lehrern und Schülern wurde immer größer,
was sich naturgemäß negativ auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis
auswirkte. Man versteht sich einfach schlechter über die Generationen
hinweg.
Entgegen aller politischen Sonntagsreden mit den Beteuerungen wie wichtig
Bildung sei, hat man die emanzipatorischen Bildungsansätze aus den
70er Jahren einfach ausgehungert. Der Mangel wurde verwaltet, die Schulen
wurden beständig mit neuen Verwaltungsvorschriften und Ausführungsbestimmungen
ausgebremst, die allesamt dazu dienten, den Notstand zu kaschieren. Dabei
handelt es sich nicht um eine Verschwörung, sondern es ist eine Sorte
Bedingter Reflex. Er speist sich aus der Angst der jeweils Herrschenden
vor selbstständig denkenden Menschen. Da wundert es nicht, dass man
die Bildung überwiegend in die Hände zweitrangiger Politiker gab
und gibt. Von einem SPD-Landespolitiker hörte ich 1980: "Kein
Politiker, der was werden will, geht in die Bildungspolitik."
4 - Aus dem Quark in die basisdemokratische digitale Hochschule
In den 70ern wandte man sich in einigen Geisteswissenschaften verstärkt
der Kommunikationsforschung zu. Die Kommunikationsforschung brachte eine
Fülle neuer Erkenntnisse hinsichtlich der Abläufe in der zwischenmenschlichen
Kommunikation. Ob sie das Zusammenleben erleichtert haben, sei dahingestellt.
Vor allem aber brachten die Befunde der Kommunikationsforschung verfeinerte
Techniken der Beeinflussung hervor. Wissenschaftler sind hinsichtlich der
Auswirkungen ihrer Forschungen oft ziemlich naiv, aber es musste ihnen klar
sein, dass sie an Methoden der Steuerung von Menschen arbeiteten. Wer sich
in der heimlichen Beeinflussung seiner Mitmenschen einen Vorteil versprach,
konnte sie sich zueigen machen, und das taten vor allem die Werbewirtschaft
und die Politik. Denn inzwischen hatte sich die Medienlandschaft entfaltet
und gewandelt.
Der Rundfunk verkam zunehmend zum Dudelfunk und wurde hinsichtlich seiner
Bedeutung vom Fernsehen verdrängt. Über das Fernsehen lässt
sich ein Massenpublikum erreichen und beeinflussen, und man wusste inzwischen
viel besser, wie das ging. So drängten Politik und Wirtschaft massiv
hinein. In der Politik wandte man sich wieder dem Theatralischen zu, dessen
sich die Nationalsozialisten schon bedient hatten. Die Macht des gedruckten
Wortes wurde von der Inszenierung im Fernsehen verdrängt, besonders
vor Wahlen. Ein Wahlprogramm zu lesen ist viel anstrengender als einem Fernsehduell
zwischen Kanzlerkandidaten zuzuschauen. Nun ist das gesprochene Wort aber
flüchtig, und von Bildern bildet man keine Begriffe, aber sie appellieren
ans Gefühl. Gefühle sind nachhaltiger, und so ist letzten Endes
viel wichtiger, welche Figur die Kandidaten in einem Fernsehduell machen,
wie sie rüberkommen.
In der heutigen Mediendemokratie kommt kein Politiker von Rang ohne Medienberater
aus, und diese Leute regeln alles, bestimmen Kleidung, Beleuchtung, Kamerablickwinkel,
trainieren Gestik und Mimik ein und natürlich schreiben sie auch die
Reden. Mediendemokratie, das bedeutet auch, dass Politiker in die Talkshows
drängen wie auch die Abgesandten und Handlanger der Wirtschaft, Unternehmervertreter,
Wirtschaftprofessoren, die Ökonomen der Banken. Und sie alle haben
dort jahrelang das neoliberale Credo gepredigt, das uns Finanzkrise und
Wirtschaftskrise beschert hat.
Für die Werbewirtschaft gab es bis Anfang der 80er nur wenig Platz
im Vorabendprogramm der Öffentlich-rechtlichen Anstalten, und deshalb
verlangte sie nach dem Privatfernsehen. Die Zulassung war Ländersache,
und von den damaligen Ministerpräsidenten gab sich besonders der CDU-Politiker
Ernst Albrecht als vehementer Vorkämpfer. Seine Tochter ist übrigens
Ursula von der Leyen. Albrecht versprach größere Meinungsvielfalt,
doch bekommen haben wir audiovisuelle Werbung rund um die Uhr und Sendeformate,
die sich ein denkender Mensch kaum ansehen kann, ohne erbrechen zu müssen.
Die Bildung verkommen zu lassen und gleichzeitig diese gigantische Gehirnwäschemaschinerie
zuzulassen, das ist ein nahezu verbrecherischer Anschlag auf das selbstbestimmte
Denken. Wir sehen das Ergebnis, eine geistige und moralische Krise, die
ein Ausmaß erreicht hat, dass man schier verzweifeln möchte.
Gibt es aus diesem Debakel überhaupt einen Ausweg, wenn die Massenmedien
sich gewollt oder ungewollt in den Dienst der Mächtigen und Gierigen
stellen, wenn die Politik eine Verdummung ihrer Bevölkerung zulässt
oder sogar absichtsvoll betreibt?
Schauen wir einmal kurz auf die Ideen der Deutschdidaktik der 70er Jahre.
Ihr ging es nicht mehr nur um Literatur, sondern um die Fähigkeit des
Lesers, Literatur für eigene Zwecke in Gebrauch zu nehmen. Darüber
hinaus soll er befähigt werden, Sprache als Element der Wirklichkeitserfahrung
zu benutzen, also zum unbevormundeten Bilden von Begriffen und mithin freiem
Denken.
Joachim Fritzsche hat diesen emanzipatorischen Ansatz besonders deutlich
formuliert:
"Da Sprache durchaus ein taktisches Mittel zum
Erreichen von Zwecken sein kann, da ferner die Menschen sehr unterschiedlich
über dieses Mittel verfügen, erscheint es richtig, dass der Deutschunterricht
alles tut, um die Ungleichheit zu beseitigen. (
) Erfahrungen werden
sprachlich, wenn schon nicht gemacht, so doch verarbeitet. (
) Einen
Sachverhalt begreifen heißt, ihn auf den Begriff zu bringen. Ich möchte
dieses Begreifen, weil es etwas mit Bedeutungen zu tun hat, semantisches
Lernen' nennen. (
) Besondere Bedeutung kommt dem semantischen Lernen
dort zu, wo die Sachverhalte ihre Bestimmtheit erst durch die Sprache erhalten,
also im sozialen und politischen Bereich. (
)
Jede Minute, die ein Mensch dazu nutzt, sich hinzusetzen und schreibend
seine Gedanken auszurichten, ist ein aktiver und freier Akt der Wirklichkeitsverarbeitung,
ein Training der gedanklichen Begriffsbildung. Das verschafft Klarheit über
die eigene Situation, man wird sich seiner selbst bewusst, denn (Zitat Fritzsche):
a) Schreiben objektiviert. Während der Sprecher,
mit dem, was er sagt, eine Einheit bildet, veräußert der Schreibende
seine Vorstellungen und tritt ihnen gegenüber. Er kann sich selbst
beurteilen wie einen Fremden. Das Subjekt wird Text.
b) Schreiben isoliert. Der Schreibende ist auf sich selbst angewiesen; keiner
springt ihm bei, wenn ihm ein Wort fehlt; aber es fällt ihm auch keiner
ins Wort.
c) Schreiben provoziert. Der Schreibende muss alles, was er zum Ausdruck
bringen will, verbalisieren, d.h. ihm eine verstehbare Form geben. In der
geschriebenen Sprache muss alles bis zu Ende gesagt werden.
d) Schreiben fixiert. Der Schreibende legt sich beim Schreiben fest, er
verpflichtet sich. Seine Äußerungen werden interpretierbar, kritisierbar,
diskutierbar.
Man wird leicht sehen können, dass Schreiben im Internet ideale Voraussetzungen
für semantisches Lernen bietet, an die Fritzsche noch gar nicht hat
denken können. Denn
a) Schreiben per Tastatur und Bildschirm objektiviert
wesentlich stärker als die Handschrift. Der Transport in die Druckschrift
macht den Text noch fremder, und so lässt er sich leichter kritisch
bewerten.
b) Schreiben ist ein isolierter Prozess, doch dem Schreibenden stehen jederzeit
diverse Hilfsmittel zur Verfügung. Er kann sich im Schreibprogramm
Synonyme anzeigen lassen, er kann sich bei Wikipedia oder im weiten Internet
über einen unklaren Sachverhalt informieren und sich dort anregen lassen.
c) Schreiben im Internet zwingt viel stärker, eine Sache zu Ende zu
denken, weil hier nicht ein fiktiver Leser mitgedacht wird, sondern es gibt
reale Adressaten, und man ist ihnen zeitlich nah.
d) Die fixierten Gedanken werden veröffentlicht. Und auf die Veröffentlichung
folgen unmittelbar Reaktionen. Im Idealfall entwickelt sich ein anregendes
Gespräch oder eine Diskussion mit Lesern in den Kommentaren, man bekommt
ggf. Hinweise, an die man nicht gedacht hat.
5 - Bloggen ist semantisches Lernen
Auch Blogger haben die von Fritzsche genannten unterschiedlichen Voraussetzungen
bei den sprachlichen Mitteln. Und sie verfolgen beim Schreiben unterschiedliche
Ziele, je nach Kenntnisstand und Veranlagung. Doch alle befinden sich im
Prozess des semantischen Lernens. Es ist nach oben nicht begrenzt, es ist
auch nicht zu vermeiden. Es lässt sich also ohne weiters sagen, dass
Bloggen bildet.
"Die Buchdruckerei ist das College des armen Mannes", sagt Abraham
Lincoln. Diese Rolle hat das Internet übernommen, da mag die professionell
schreibende Zunft höhnen wie sie will. Es ist gut und richtig, wenn
jeder sich die Erlaubnis gibt, die wunderbare Universität des einfachen
Menschen zu besuchen, um sich der geistigen Bevormundung durch die gelenkten
Massenmedien zu entziehen. Es ist richtig und ratsam, nicht nur den zu Zeilen
geordneten Gedanken von bezahlten Schreibern zu folgen, denn wir wissen
nicht, welche Ziele ihre Geldgeber verfolgen. Es tut gut, sich die Oberhoheit
über den eigenen Kopf von den bezahlten Schreibern zurückzuerobern,
denn die geistige Bevormundung der Köpfe ist ein Faktor kultureller
und politischer Macht. Und wenn auch die bezahlten Schreiber nicht die wirklich
Mächtigen sind, so sind sie doch deren Vögte und Statthalter.
Man wende sich also getrost gelegentlich von ihnen ab und schreibe selber
auf und lese bei denen, die ebenso handeln. Denn die wirkliche Kraft liegt
in der sozialen Vernetzung. Das wird gesellschaftliche Folgen und Einfluss
auf das Denken haben, ja, das Internet und die soziale Vernetzung werden
das Denken verändern. Es liegt an uns, ob wir uns dort nur unterhalten
und verblöden lassen wollen, oder ob wir es als basisdemokratische
Universität begreifen, die keiner Zensur unterliegt und jedermann offen
steht. Und es liegt an uns, diese offene Universität gegen jede Form
der staatlichen Zensur zu verteidigen.
Jules van der Ley
20. Mai 2009
http://abcypsilon777.blog.de/2009/05/20/ohnmacht-federkiels-macht-tasten-6142736