Sehr geehrter Herr Klüber,
leider habe ich Ihren Fragebogen noch nicht beantwortet: daher wollte ich Ihnen mitteilen, dass ich Sie nicht vergessen habe, sondern noch nicht dazu gekommen bin. Wir sind gerade mitten in der Organisation des Einzugs in die neuen Räume, derzeit haben wir nur ein provisorisches Büro.
Ihre Fragen finde ich sehr gut und sehr berechtigt.
Wir melden uns, sobald wir umgezogen sind.
Beste Grüße,
Daniela Gerstner

Berliner Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder
c/o Nachbarschaftsheim Schöneberg
Holsteinische Str. 30, 12161 Berlin
http://heimerziehung.wordpress.com/anlauf-und-beratungsstelle-berlin/

GskA - GmbH für sozial-kulturelle Arbeit; Sitz: Berlin
Registergericht: Amtsgericht Charlottenburg
Registernummer: HRB 131289 B
Geschäftsführerin: Birgit Monteiro

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Meine Antwort vom 12.01. 2012


Hallo Frau Gerstner

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre sympathische Zwischenmeldung, die einmal mehr mein Interesse an Ihren Antworten erhöht hat.
Doch bitte lassen Sie sich nur alle Zeit die Sie für eine fundierte Antwort benötigen.
Gehe ich doch davon aus, dass in nächster Zeit noch eine Unzahl ähnlicher Anfragen an Sie gerichtet werden.
Genau deshalb machen meine Fragen und Ihre Antworten auch Sinn, um Sie wenigstens darin ein Stück weit zu entlasten, wenn Betroffene bereits im Vorfeld einer Kontaktaufnahme sich auf meiner, oder anderen spezifischen Webseiten über die Fonds-Modalitäten informieren können.

Ihnen viel Kraft und ein freundliches Lächeln für Ihre künftige Arbeit wünschend,
mit besten Grüßen
Klaus Klüber

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Antwort vom 19. 01. 2012


Sehr geehrter Herr Klüber,

im Anhang (in untenstehende Fragen eingefügt) übersenden wir Ihnen den beantworteten Fragebogen, den wir als Team gemeinsam besprochen haben. Er wurde von unserer Geschäftsleitung zur Veröffentlichung freigegeben.

Beste Grüße,
Daniela Gerstner


Berliner Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder c/o Nachbarschaftsheim Schöneberg Holsteinische Str. 30, 12161 Berlin
http://heimerziehung.wordpress.com/anlauf-und-beratungsstelle-berlin/

GskA - GmbH für sozial-kulturelle Arbeit; Sitz: Berlin
Registergericht: Amtsgericht Charlottenburg
Registernummer: HRB 131289 B
Geschäftsführerin: Birgit Monteiro

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Meine Anfrage vom 04. 01. 2012

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Um Betroffenen auf meiner Webseite www.ex-Heimkinder.de Orientierungshilfen hinsichtlich des Hilfefonds für ehemalige Heimkinder anbieten zu können, habe ich nachfolgend einige Fragen zusammengestellt, die mich auch persönlich interessieren.

  1. Wer kann Anträge stellen und welche Beratungsstelle ist für die Antragstellung zuständig? Die des gegenwär-tigen Wohnortes oder diejenige im Bundesland der einstigen Heime?
    Antragsberechtigt sind Personen, die als Kinder oder Jugendliche in den Jahren 1949 bis 1975 in der Bundes-republik Deutschland in einer vollstationären Einrichtung zum Zwecke der öffentlichen Erziehung untergebracht waren. Der Fonds Heimerziehung ist auch zuständig für Opfer sexueller Gewalt und sexueller Ausbeutung in der Heimerziehung.
    Personen, die in Behindertenheimen/in heilpädagogischen Heimen untergebracht waren, können nur dann Anträge stellen, wenn der Aufnahmegrund Jugendhilfe war.
    West:
    Zuständig sind regionale Anlauf- und Beratungsstellen in dem Bundesland, in dem die oder der Betroffene seinen aktuellen Wohnsitz hat.
    Ost:
    Für Personen, die in neuen Bundesländern oder außerhalb von Deutschland wohnen, ist die Anlauf- und Bera-tungsstelle in dem Bundesland zuständig, in dem die Heimeinweisung stattfand. Der Start des Antragsverfahrens für ehemalige DDR-Heimkinder ist für Mitte des Jahres 2012 geplant.
    Vgl.: http://www.fonds-heimerziehung.de/angebote-fuer-betroffene/fonds-
    heimerziehung-west.html


  2. Ist es zutreffend, dass der Fond für anspruchsberechtigte Antragssteller nur bis zum 31.12.2014 zur Verfügung steht?
    Anträge auf Leistungen aus dem Fonds können bis zum 31.12.2014 gestellt werden.

  3. Ist es zutreffend, dass der Fond spätestens Ende 2016 eingestellt wird?
    Leistungen aus dem Fonds sollen bis Ende 2016 erfolgt sein, bis dahin sollen alle offenen Antragsverfahren abge-schlossen sein. Es wird nach Aussage der Geschäftsstelle des Fonds eine politische Entscheidung sein, ob darüber hinaus eine Verlängerung der Fristen erfolgt.

  4. Wie werden in diesem Fall Anspruchsberechtigte behandelt, die z.B. erst in 10 Jahren hilfsbedürftig werden?
    Dies ist eine berechtigte Frage, denn eines der wichtigsten Anliegen der Betroffenen ist z.B., im Alter bei Pflege-bedürftigkeit auf keinen Fall wieder in ein Heim eingewiesen zu werden, sondern in der eigenen Wohnung oder in einer anderen selbstbestimmten Wohnform leben zu können. Derzeit wird durch die Geschäftsstelle des Fonds geprüft, ob eine Ergänzungsleistung zur Pflegeversicherung möglich ist. Dies ist jedoch noch nicht geklärt. Derzeitige Beschlusslage im Rahmen der Fondslösung ist, dass es ab 2015 keine Beratungsstellen mehr gibt und auch keine Leistungen mehr beantragt werden können. Änderungen müssen auf der bundespolitischen Ebene beschlossen werden.

  5. Gesetz den Fall, jemand nimmt eine Therapie in Anspruch, die zeitlich und kostenmäßig über das 10000 Euro-Limit hinausreicht. Muss die betreffende Person dann die Therapie abbrechen?
    Ein Abbruch einer Therapie wäre fatal. Die Dauer eine Traumatherapie bei chronifiziertem Komplextrauma dauert erfahrungsgemäß 7 bis 8 Jahre. Die Kosten pro Therapiestunde betragen ca. 80,-€ bis 100,-€. Daher ist mit deutlich höheren Kosten zu rechnen. Die Sachleistung für Psychotherapie ist derzeit bis 5000,-€ vorgesehen.
    Darüberhinaus bedarf es einer besonderen Begründung. Mittel über die Fondslösung werden nur ausgeschüttet, wenn die Leistungen von Rentenversicherungen, Berufsgenossenschaften und Krankenkassen ausgeschöpft sind. Die momentanen Rahmenbedingungen des Fonds werden von der Beratungsstelle kritisch gesehen.


  6. Wer und nach welchen Kriterien wird unterschieden, ob es sich bei in Heimen verrichteten Tätigkeiten um versicherungsrelevante Arbeit, oder Teil des pädagogischen Anspruch "Erziehung zur Arbeit" gehandelt hat?
    Der Fonds sieht eine einfache Glaubhaftmachung vor. Der Runde Tisch hat festgestellt, dass Arbeit häufig missbräuchlich pädagogisch begründet wurde. Es kann bereits der Nachweis genügen, ob ab dem 14. bis zum 17. Lebensjahr Sozialversicherungsbeiträge für abgeführt wurden oder nicht. Dies kann dem Versicherungsverlauf entnommen werden. Der Fonds sieht jedoch keine Rentenersatzzahlungen für Arbeiten vor, die vor dem 14. Lebensjahr verrichtet wurden.

  7. Wie werden Tätigkeiten innerhalb der Heimeinrichtungen gewertet, wenn jemand z.B. Haus- und Gartenarbei-ten verrichtete? Welche Leistungen sind zu erwarten?
    Der Fonds sieht für die Berechnung der Rentenersatzzahlungen vor, zu unterscheiden, ob eine Tätigkeit gelernt oder ungelernt verrichtet wurde. Die Höhe der Rentenersatzleistung beträgt maximal 6.000,-€ und orientiert sich an den damaligen Löhnen für Hilfsarbeiter_innen /gelernt oder ungelernt. Die Rentenersatzzahlung ist als
    eine einmalige Barauszahlung gedacht.


  8. Wie bemessen sich die Rentenersatzleistungen, sind diese variabel, pauschal, wenn ja in welcher Höhe?
    ist in Antwort 7 enthalten

  9. Werden Rentenersatzleistungen auf andere Sozialleistungsbezüge wie Hartz-IV angerechnet?
    Die Nicht-Anrechenbarkeit auf Transferleistungen wie z.B. ALG II (Hartz 4) ist noch sicherzustellen. Dies wird derzeit durch die Geschäftsstelle des Fonds geklärt, ggf. muss das Sozialgesetzbuch geändert werden. Bei der Erteilung des Bescheides durch die Geschäftsstelle des Fonds in Köln kann es daher zu Verzögerungen kommen.

  10. Welches Spektrum an Hilfsmaßnahmen könnte beantragt werden, die nicht von regulären Krankenkassen getragen werden?
    Die zweckgebundenen Sachleistungen im Rahmen des Fonds wurden bewusst nicht festgelegt, um keine willkür-liche Einengung vorzunehmen. Die gewährten Sachleistungen sollen sich am individuellen Bedarf der/des Antragssteller_in orientieren.

  11. Können nach Ablehnung eines Hilfsantrages weitere Anträge gestellt werden?
    Es können weitere Anträge für Sachleistungen im Wert von insgesamt bis zu 10.000,-€ gestellt werden.

  12. Können verschiedene Leistungen beantragt werden? Welche Leistungen können beispielsweise beantragt werden?
    Es können unterschiedliche Sachleistungen beantragt werden, dies könnte z.B. Erwachsenenbildung, Gesund-heitskurse, eine spezielle Physiotherapie, die sonst nur eine Privatversicherung zahlen würde, sein. Auch dies richtet sich nach dem individuellen Bedarf der / des Antragssteller_in. Ebenso ist die Beantragung von
    Hilfsmitteln möglich, die den Alltag erleichtern und zur Verbesserung der (körperlichen) Situation dienen.

  13. Wie wird sichergestellt, dass beantragte Leistungen nicht gemäß willkürlicher Gnadenakte gewährt werden?
    Die Arbeitsgruppe Leistungsrichtlinien des Fonds hat Kriterien entwickelt, an denen sich die Beratungsstellen orientieren sollen.
    Entscheidungen werden gemeinsam im Team getroffen und reflektiert. Außerdem ist ein Beirat mit Ombuds-funktion mit unabhängigen Experten und Betroffenen im Aufbau. Die Anlauf- und Beratungsstelle erarbeitet Anträge gemeinsam mit Betroffenen und gibt ihre Empfehlungen an die Geschäftsstelle in Köln weiter. Dort wird die formale Richtigkeit geprüft und die Entscheidung über die Gewährung von Leistungen getroffen. Die sachge-mäße Mittelverteilung soll durch das BAFzA 1 sichergestellt werden.
    Zur Qualitätssicherung haben wir für unsere Beratungsstelle frühzeitig eine fachkundige und erfahrene Orga-nisationsberaterin und Supervisorin gewonnen, die uns bei allen Prozessen begleitet.


  14. Haben Antragsteller im Fall einer Ablehnung die Möglichkeit einer Beschwerde, wenn ja wo?
    Gegen eine Ablehnung können keine Rechtsmittel eingelegt werden. Bei Unzufriedenheit mit der Beratungs-qualität oder einer Entscheidung der Geschäftsstelle, können Antragsteller_innen sich an den Beirat wenden. Sollte dort keine Klärung möglich sein, besteht die Möglichkeit, die Geschäftsstelle in Köln einzubeziehen.

  15. Wie kann ein_e Antragsteller_in seinen/ihren Heimaufenthalt und Arbeitszwang nachweisen?
    Die Mitarbeiter_innen der Beratungsstellen sind bei der Suche nach Unterlagen behilflich. Falls keine Akten gefunden werden, können z.B. ein Eintrag beim Einwohnermeldeamt oder Aussagen von Zeitzeug_innen dienlich sein.

  16. Werden die nicht beanspruchten Fondsanteile wieder zurück an die einzahlenden Institutionen fließen?
    Die Satzung des Fonds sieht vor, dass Restmittel am Ende der Fonds-Laufzeit an die einzahlenden Institutionen Bund, Länder und Kirchen zurückfließen.

  17. Wie stehen Sie persönlich zu dieser Fondslösung?
    Altersarmut ist eine der wesentlichen Folgen des systematischen Unrechts und der erzwungenen Arbeit in der Heimerziehung, dies hat auch der Runde Tisch Heimerziehung festgestellt: Aufgrund unterdrückter Bildungs-chancen, Gewalt und Vernachlässigung durch die institutionelle Heimerziehung sind viele ehemalige Heimkinder vorzeitig erwerbsunfähig geworden. Altersarmut im Zusammenhang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen als Spätfolgen der Heimerziehung sind die von den Betroffenen geäußerten größten Belastungen und Demütigun-gen, verbunden mit der Angst, aufgrund von Pflegebedürftigkeit erneut in ein Heim eingewiesen zu werden.
    Die Fondslösung ist leider keine Entschädigung im eigentlichen Sinne, sondern kann nur bedingt zur Abmilderung des entstandenen Leides beitragen.


  18. Was würden Sie Betroffenen raten, wenn abzusehen ist, dass sich der Menschengerichtshof noch mit der Frage bezgl. Zwangsarbeit und menschenrechtsverletzenden Heimerziehungspraktiken befassen wird?
    Wir wissen, dass der Klageweg von Betroffenen beschritten wird. Wir informieren über den uns bekannten Stand der Entwicklung. Unsere Haltung orientiert sich an den internationalen Ethikrichtlinien für Soziale Arbeit, die von der IFSW – „International Federation of Social Workers“ verabschiedet wurden.

  19. Frage die von Frau Gerstner selbst aufgworfen und beantwortet wird:
    Wie ist die Position des Teams zur Verzichtserklärung?
    Wir teilen die Problematisierung der Verzichtserklärung durch Prof. Dr. Schruth (Jan. 2012). Wir folgen seiner Einschätzung, dass die Verzichtserklärung „unsensibel, überflüssig und für viele ehemalige Heimkinder aller Wahrscheinlichkeit nach leistungsverhindernd ist.“

Ihrer Antwort sehe ich mit großem Interesse entgegen und verbleibe einstweilen,
mit freundlichen Grüßen
Klaus Klüber

 

Sehr geehrter Herr Klüber,
außerdem übersenden wir Ihnen im Anhang die internationalen Ethik-Richtlinien für soziale Arbeit.

Beste Grüße,
Daniela Gerstner

 


Antwort der regionalen Anlaufstelle Berlin vom 12. 01. 2012