|
Alzenau, den 05.03.04
Hallo Be..., hallo miteinander
Wundere Dich bitte nicht, heute
ein Schreiben in den Händen zu halten, das von seiner Form wie
auch Inhalt her, jeden Rahmen einer normalen Korrespondenz sprengen
wird.
Dabei hast Du selbst mit einem einzigen Satz, dessen Brisanz Du vermutlich
nicht mal ansatzweise erkannt hast und Deinem Unvermögen mich
wie zugesagt zurückzurufen, die Initialzündung zu meinen
folgenden Erklärungen gegeben, die ich aber im Rahmen meiner
Aufarbeitung der Vergangenheit ohnehin für längst überfällig
gehalten habe.
Des besseren Verständnisses wegen, bzw. um jeden Verdacht einer
hintergründig polarisierenden Meinungsmanipulationen vorzubeugen,
habe ich den Brief zwar vornehmlich an Dich gerichtet, spreche aber
dadurch, da ich ausnahmslos jedem anderen unserer Geschwister davon
eine Kopie zugesandt habe, gleichermaßen alle an.
Dazu eines vorweg.
Dieser Brief ist ganz bestimmt nicht von mir in der Absicht verfasst
worden, um längst vergangene Geschehnisse zwischen uns Geschwistern
aufzurechen, sonder dient mir in erster Linie dazu, durch die offensive
Auseinandersetzung wieder mehr Abstand und innere Ruhe zu gewinnen.
Sowie den Bedarf aufzuzeigen, wie groß ich inzwischen die Notwendigkeit
erkannt habe, idealerweise gemeinsam über unsere Vergangenheit
zu sprechen, die entgegen aller gegenteiliger Beteuerungsversuche,
noch immer unser aller Leben überschatten, auf uns lasten und
uns trennen wird, solange keine Anstrengungen unternommen werden,
um durch gemeinsames Zusammentragen puzzelartiger Details, ein Gesamtbild
entstehen zu lassen, mit dem uns die Möglichkeit gegeben wird,
mit dem nachvollziehbaren Begreifen von Zusammenhängen, uns selbst
von historisch geprägten Verhaltens- und Denkmustern zu lösen.
Wenn Du bisher glaubtest, für Dich darin keine Notwendigkeit
zu erblicken, dann mag Dir das mit Blick auf Dein privates Glück,
oder Deiner erfolgreichen Kariere als selbstständiger Unternehmer,
möglicherweise gelungen sein.
Deine Reaktionen, auf meinen vor nunmehr drei/vier Wochen getätigten
Telefonanruf hingegen, haben mir in bestürzender Weise bewusst
gemacht, auf welch einem ungereiften Niveau Du in diesen Dingen noch
immer stehen geblieben bist. Andererseits, ging es mir bis vor kurzem
ja auch noch nicht viel besser. Wenn auch auf anderer Ebene.
Jeder ist demnach auf seine eigene Art der Vergangenheit verhaftet
geblieben. Denn so, wie ich erst durch unser Telefongespräch
realisierte, dass ich schon längst nicht mehr vor Deiner physischen
und intellektuellen Kraft zittern musste, wird Dir vermutlich in Erinnerung
an unser Gespräch, aufgegangen sein, wie sehr Du Dich noch immer
in der Verteidigungsbereitschaft altbekannter Feindbilder verlierst.
Darauf werde ich an anderer Stelle noch genauer eingehen.
Zunächst sollte Dir mit diesem Hintergrundwissen, so irrational
sich dieser Umstand für mich auch im Nachhinein herausgestellt
hat, bewusst werden, welche neuen Kräfte, die Dynamik meiner
Fragen entwickelt haben, um meine verinnerlichten Ängste zu überwinden,
um ausgerechnet Dich anzurufen.
Gleichsam bin ich nach unserem Gespräch in eine längere
Fassungslosigkeit versunken, weil ich einfach nicht glauben konnte,
wie offenkundig Du noch immer in der alten Zeit stecken geblieben
bist, vor der Du mit Deinem bisher verschweigenden und damit konfrontationsmeidenden
Verhalten geradezu fliehen wolltest.
Oder wie sonst würdest Du heute Deinen eigenen Satz interpretieren,
dass Du Dich weder über die alte Zeit
erinnern könntest, noch etwas dazu sagen wolltest?
Mir ist dieser Satz nur zur Genüge von unserer Mutter bekannt,
die genauso wie Du damit die eigene Hilflosigkeit unterstrich, sich
auf dieser Art einer unangenehmen Last zu entledigen, die wie ein
Fluch das eigene Leben begleitet und ständig der latenten Gefahr
unterliegt, bereits durch winzige Gedankenanstöße, wieder
lawinenartig ins Bewusstsein der Gegenwart zu gelangen.
Wie gern hätte ich ebenfalls diese Eigenschaft zur Perfektion
entwickelt. Sonst hätte ich wohl kaum so lange das Bewusstsein
verinnerlicht, irgendwie auch Schuld an den schweren Misshandlungen
und der erfahrenen Verachtung in meiner frühesten Kindheit gewesen
zu sein. Dessen verheerende Folgen in stigmatisierenden Psychiatrie
und Heimaufenthalten bearbeitet wurden, um anschließend in dem
Gefühl wie ein Aussätziger von der eigenen Familie gemieden
zu werden, ein Leben im Niemandsland, ohne familiären Rückhalt
oder Identifikation zu führen.
In dem ich mich und "meine" Herkunft allein schon deswegen
verleugnen musste, weil ich niemanden erklären konnte, was mir
selber stets ein ungelöstes Rätsel blieb.
Dachte ich wenigstens nach meiner Heirat mit der Gründung einer
eigenen Familie, zu einem glücklichen Leben gefunden zu haben,
sah ich mich noch immer von der Vergangenheit eingeholt, die selbst
nach so langer Zeit, ohne dass ich mir dessen bewusst war, schleichend
meine Familie zu zerstören begann.
Erst durch verschiedene Eskalationen und mir selber unerklärlicher
Verhaltensauffälligkeiten, worunter z.B. das Unvermögen
bestand, von mir ausgehend, weder meine Frau noch meine eigene Kinder
liebevoll in den Arm nehmen zu können, begann ich langsam nach
den mir unbegreiflichen Ursachen zu suchen.
Den Schlüssel zu meinem Leben fand ich dann mehr zufällig
in Form einer im Internet veröffentlichten Lebensbiografie, die
der meinigen ähnlich ist. In dessen Reflexion mir schlagartig
die ganze Dimension meiner traumatisierten Kindheit bewusst wurde.
Gleichzeitig reifte gegen alle inneren Widerstände, die nötige
Gewissheit heran, unter fachlicher Begleitung noch einmal die Tür
zur Vergangenheit zu öffnen, um durch die Nachbearbeitung jener
grauenvollen Zeit, hoffentlich noch zu einem freien Leben zu finden.
Vor allem registriere ich deutlicher als je zuvor, in welch niederträchtigen
Art, mir durch das konspirative Schweigen und Ausgrenzen bis auf den
heutigen Tag die Verantwortung für die unglaublichen Verfehlungen
jener, die mich als Kind zerbrochen haben, an dessen Folgen ich wahrscheinlich
mein Leben lang tragen werde, zugeschoben haben und heute durch Verdrängung
der Geschehnisse ihre Hände in Unschuld waschen.
So manches wäre für mich bestimmt leichter zu ertragen gewesen,
wenn ich wenigsten ansatzweise mal ein Wort des Bedauerns oder gar
eine Entschuldigung gehört hätte.
Aber wo so etwas ausbleibt, ein Leben lang..... da bleibt es wieder
an mir, den Hass, die Wut und gleichzeitige Trauer im Zaum zu halten.
Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass ich mich besonders
in Blick auf Mo
. und Ir..., wie eigentlich allen anderen Geschwistern
selbst zurück nehmen muss, denn Deine bereits zuvor, vage angeschnittenen
Antwort, stellt eigentlich mustergültig heraus, wie sehr wir
alle Opfer unserer Eltern geworden sind. In dessen Nachbetrachtung
die Scham selbst ihren Tod überleben und den Wunsch nie geboren
zu sein, in heller Lebendigkeit wach halten wird.
Ich denke, dass die gleiche Scham
Dich bislang von Deinem zugesagten Rückruf abgehalten hat. Hoffe
ich doch sehr, dass Dir inzwischen selber aufgegangen ist, was Du
mir auf meine Wunsch hin, mit Dir über unsere Vergangenheit sprechen
zu wollen, entgegnet hast.
Zunächst hast Du mir erklärt, Dir
keiner Schuld bewusst zu sein und Du Dich weder an Gewalt erinnern
könntest, noch erinnern wolltest!
Nachdem ich Dir dann sagte, dass man so wie man mich früher behandelt
hat, nicht mal ein Tier behandelt hätte, brachtest Du den gepressten
Vorwurf hervor wörtlich:
Dass ja unser Vater an der ganzen Gewalt
schuld gewesen ist, weil er mich in jeder Beziehung bevorzugt und
gegen unsere Mutter aufgehetzt hätte.
An dieser Stelle müsste
jetzt eine längere Pause stehen, um diesen bedeutungsschweren
Satz innerlich setzen zu lassen und die damit einhergehende Fassungslosigkeit
zu verinnerlichen.
Die Tatsache, dass Du Dich im
gleichen Zusammenhang beeiltest, mir zu erklären, dass
ich unsere Mutter mit diesem Thema nicht mehr belasten könnte,
zeigt in unnachahmlicher Weise, in welchem Ausmaß Du noch immer
in der unseligen Allianz verwoben bist.
In der unsere Mutter besonders Dich zu einem Mitwisser und Verbündeten
machte und damit in jener Zeit zur Parteinahme missbrauchte, als sie
die Ohnmacht gegenüber ihrem Mann spürte, und eine Front
gegen ihn zu schmieden begann, die zwar primär gegen ihn gerichtet
war, angesichts ihrer Hilflosigkeit, ob seiner Macht, letztendlich
ihr Ventil aus Wut und Hass in mir, an seiner statt gefunden hatte,
weil sie in völlig abstruser Verblendung glaubte, wenn sie mich
als "geliebtes" Kind ihres Mannes bekämpfte, gleichsam
ihn damit zu treffen.
Ein Tragödie die an Abscheulichkeit kaum zu überbieten war,
weil mich als schwächstes Glied, die ganze Wucht einer Gewaltspirale
traf, der zu erwehren ich nie den Hauch einer Chance hatte, geschweige
denn, dafür ein nachvollziehbares Bewusstsein entwickeln konnte.
Wenn es ein Bewusstsein gegeben hat, dann bestand es einzig in dem
eingeprügelten Wissen schuldig gewesen zu sein, weil mich mein
Vater nicht gleichermaßen mit Ablehnung und Gewalt behandelte
wie unsere Mutter. Die zudem mit schwerer Strafandrohung ("......sonst
bekommst Du Deine Wucht") unterband, dass ich meine Torturen
dem Vater anzuvertrauen gewagt hätte.
Selbst die Tatsache ein zugegebenermaßen schwieriges Kind gewesen
zu sein, hätte niemals dieses Gewaltpotenzial mir gegenüber
rechtfertigen dürfen. Wenigstens heute sollte hoffentlich jeder
halbwegs gebildete Mensch in der Lage sein, extreme Verhaltensauffälligkeiten
von Kindern folgerichtig als sprachlose Hilferufe zu interpretieren.
Nun gut, letztendlich sehe ich,
dass diese unausgesprochene Frontenbildung bis in die Gegenwart verhinderte,
dass wir zu einer Familie zusammenwachsen konnten, weil die Fronten,
wie Du selber aufgezeigt hast, noch immer verinnerlichter Bestandteil
Deiner unbewussten Denkweise geblieben sind.
Damit stehst Du, ohne Dir daraus einen direkten Vorwurf zu machen,
nicht allein da, denn wenn ich es mir, soweit es mir aus der Ferne
her möglich ist, so recht betrachte, unterlagen/unterliegen nicht
auch heute noch besonders Du und die Schwestern dem einst indoktrinierenden
Einfluss unserer Mutter? In der jeder, der nur annähernd mit
unserem Vater "sympathisierte", von unserer Mutter mit Ablehnung
bedacht wurde?
Ich denke da im besonderen auch an U.. und zum Teil auch an In..,
die nach dem Tod des Vaters regelrecht sich selbst überlassen
wurden und bis auf den heutigen Tag nie erfahren haben, was wirklich
in unserer Familie vor sich gegangen ist. Eben, dass es nicht nur
einen Täter in unserer Familie gab. Obwohl die Gewaltspirale
ohne den ursprünglichen Einfluss des Vaters sicher nie derartige
Auswüchse angenommen hätte.
In deren Gefüge Du ebenfalls einen ausgesprochen gefürchteten
Platz in meiner Erinnerung behalten hast. Der Dir ganz sicher nicht
nur von normalen Kabbeleien unterhalb von Geschwistern zugefallen
ist, sondern aufgrund Deiner enormen Aggressivität.
Dabei hatte ich sogar schon ein
Ereignis aus Mo
.´s Erfahrung vergessen/verdrängt,
mit dem Dein damals unglaubliches Gewaltpotenzial kaum besser veranschaulicht
werden könnte.
Ich kann mich zwar daran erinnern, dass ich für Dich ein lästiger
Fußabtreter war, den man bei sich bietenden Gelegenheiten schlagen
und treten durfte, weil die Mutter es offensichtlich zu tolerieren
schien, aber der Beschreibung Mo
.´s nach, gab es zu meinen
Erfahrungen noch eine Steigerung, die darin bestand, dass Du mich
z.B. als Kleinkind wiederholt hochgehoben und im Fallenlassen wie
einen Fußball wegzutreten versucht hast. Ob mein Hintern, wie
Mo
. bis heute nicht vergessen hat, allein von Deiner sportlichen
Übung blau und schwarz unterlaufen zurückblieb, oder ob
er es schon von vorherigen Misshandlungen war, mag dahingestellt bleiben
und um Himmels Willen jetzt nicht als Anklage gegen Dich missverstanden
werden soll.
Jedoch denke ich heute laut darüber nach, aus welcher Quelle
dieses Aggressionspotenzial geboren war und genährt wurde. Denn
es ist laut meiner Therapeutin, völlig ausgeschlossen, dass Kinder
ohne entsprechend traumatischer Vorbilder, von selbst solche Aggressionspotenziale
entwickeln.
Diesen Gedanken werde ich wieder an anderer Stelle aufnehmen.
Doch ganz ohne aktiver, oder
passiver Unterstützung der Mutter, wärst Du sicher auch
nicht der geworden, der Du für mich in Erinnerung geblieben bist.
Schade ist nur, dass Du Dein rabiat-dominierendes Selbstverständnis
auch später nicht mehr, weder gegenüber Deinen früheren
Frauen und Kindern ablegen konntest, noch heute Wege gefunden hast,
um Konflikt im zwischenmenschlichen Bereich, wie sie derzeit zwischen
Dir und Mo
. bestehen in angemessener Weise zu lösen.
Denn soweit ich dies mitbekommen
habe, liegt euer Problem in erster Linie in dem Unvermögen wirklich
gegenseitig zuhören zu können. Dein nunmehr ausgrenzendes,
weil nicht mehr miteinander sprechen zu wollen, wie Du es ja auch
auf meinen noch ausstehenden Rückruf praktizierst, ist insofern
auch ein Form dominanzsuchender Gewalt, nur mit anderen Mitteln.
Es ist natürlich wahnsinnig schwierig aus verinnerlichten Lebensansichten
auszubrechen. Von daher bin ich sehr froh, eine so geduldige Seele
von Mensch in meiner lieben Frau gefunden zu haben, die selber viel
geschluckt hat, bis sich bei mir die Einsicht durchsetzte, selber
etwas für uns, in Form einer Therapie tun zu müssen, damit
sich meine Vergangenheit nicht weiter belastend zwischen uns setzen
soll. Damit stehe ich zwar noch am Anfang, möchte Dir aber aus
gegebenen Anlass nahe legen, selber mal mit Dir in Klausur zu gehen
und Dein eigenes Rollenverständnis einer kritischen Überprüfung
zu unterziehen.
Und wenn Du schon mal dabei bist, dann wird Dir vielleicht auch die
Frage in den Sinn kommen, warum es Dir zeitlebens nie möglich
war, den Kontakt zu mir zu suchen?
Wenn ich mir schon mal die Mühe
mache, Dinge die mir so lange am Herzen gelegen haben zu Papier zu
bringen, dann wird es Dich jetzt hoffentlich nicht stören, Dir
die Antwort bereits vorweg zu nehmen. Denn die Antwort kann mit Blick
auf Deine Vergangenheit nur lauten, weil Du Angst hattest!
Angst an die Erinnerung, die
in mir so etwas wie Dein personalisiertes Gewissen gefunden hatte,
vor dem Du möglicherweise wirklich schon unbewusst fliehen, verleugnen
und verdrängen wolltest. Aber lass mal, auch ich habe vieles
verdrängen müssen, sonst hätte ich nie so lange überleben
können.
Bedauerlich auch, wie lange es gedauert hat, bis ich endlich erwacht
bin, um mit der Anmeldung meines erlittenen Unrechts, den konspirativen
Ring des Schweigens zu zerschlagen.
In dessen Zug der Aufarbeitung Du den Gipfel infantiler Betrachtung
mit dem Rechtfertigungsversuch abgeschossen hast, die Gewalt gegen
mich damit zu begründen, weil mich unser Vater gegen unsere Mutter
aufgehetzt hätte.
Mein Verstand rebelliert geradezu
bei dem Gedanken, das Dir selbst als Mitte 50jähriger noch nicht
aufgegangen ist, was ich als maximal 6-8-Jähriger, zu einer Zeit
in der ich längst schon ein physisches und psychisches Wrack
war, gegen den mich erstickenden Fels Mutter hätte ausrichten
können?
Ich kann es einfach nicht glauben, der Schmerz will mich innerlich
zerreißen und doch muss ich akzeptieren. Muss mich damit abfinden,
dass Du von diesem Monstrum Mutter genauso taktierend missbraucht
worden bist, wie auch so viele andere menschliche Regungen im Schmerz
des Missbrauchs versunken sind.
Denn dadurch, dass ich sprichwörtlich aus meiner traumatischen
Ohnmacht aufgewacht bin und nun versuche wenigstens nachzuvollziehen,
wie und warum sich so eine familiäre Tragödie entwickelt
konnte, deren Betrachtung bisher einer unausgesprochenen Tabuisierung
unterlag, bin ich nach den mir zugänglichen Informationen zu
folgenden Ablauf gekommen.
Zu unserem Vater gibt es leider
nicht sehr viele brauchbare Informationen, weswegen zu seiner Herkunft
und sozialen Umfeld nicht sehr viel gesagt werden kann um zu erklären,
warum er sich zu diesem psychopathischen Irrläufer entwickelte,
wie wir ihn kennen gelernt haben.
Allenfalls der Hinweis darauf, dass er selbst schon als Jugendlicher,
wegen einer Mädchen/Frauengeschichte aus dem Elternhaus vertrieben
worden sein soll, könnte ein erster Ansatz für Minderwertigkeitskomplexe
und dem daraus ableitenden übersteigerten Geltungsbedürfnis
liefern, aus dem sich wenigstens Teilweise, die Vehemenz erklären
lässt, mit der er alles und jeden in der Familie zu beherrschen
suchte.
Je mehr er sich in seinem Allmachtsanspruch
an seinen Kindern verging, desto härter mussten zwangsläufig
in Korrelation dazu, die Mittel ausfallen, um diese Schandtaten vor
der öffentlichen Bloßstellung zu schützen.
Gerade unter dem Aspekt, jederzeit als Täter entlarvt zu werden,
erklärt mir im nachhinein seine ungemein innere Anspannung, die
sich fast zwangsläufig in ständiger Gereiztheit und spontanen
Gewaltausbrüchen ein Ventil suchen musste. Es erklärt so
vieles andere seiner Auffälligkeiten. Angefangen von seinem ständigen
nervösen Fußwippen, wie den verzweifelten Versuchen das
gemeinsame Sprechen am Esstisch zu unterbinden. Deren Höhepunkte
in Eskalationen von familiären Feiern, wie z.B. bei Mo
.´s
Hochzeit, oder meinen eigenen Rausschmiss aus der Wohnung zur Folge
hatten, weil er nicht ertragen konnte, dass ich mit In.., möglicherweise
über ihn sprachen oder gar lachten.
So unerträglich grausam
und unentschuldbar seine Taten immer bleiben werden, so bin ich bei
meinen Forschungen in Bezug auf die Missbrauchs- und Misshandlungsthematik
auf einen Merksatz gestoßen, der zwar nicht zwangsläufig
auf jeden missbrauchten, oder misshandelten Menschen Anwendung finden
muss, aber in Fachkreisen zu einem geflügelten Satz geworden
ist. Der besagt, dass nur jene verletzten, die selber verletzt worden
sind.
Könnte es demnach sein, ohne damit sein Schuld verringern zu
wollen, dass er selber ein Opfer inzestuöser Gewalt war?
Eine zufriedenstellende Antwort darauf werden wir niemals mehr bekommen.
Aber es gilt als sicher, oder zumindest sehr unwahrscheinlich, dass
jemand der in einem liebevoll geprägten Elternhaus aufgewachsen
ist, später kaum eine dermaßen unkontrollierte Gewalt gegenüber
der eigenen Familie wirksam werden lässt.
Auch habe ich mich gefragt, warum ausgerechnet er als Pole, nach dem
Krieg in ein Deutschland "flüchtete," dessen Bevölkerung
noch mitten daran stand, sich ihres inneren und äußeren
nazistischen Antlitzes zu entledigen.
Wie groß muss seine Not gewesen sein, um in dieser noch immer
feindlichen Umgebung eine Zukunft zu suchen?
Wurde er schon in Polen seiner perfiden Praktiken wegen verfolgt,
oder war es nur der wirtschaftlich Anreiz, der ihn allen Widerständen
zum Trotz nach Kriegsende nach Deutschlang kommen ließ?
Fragen über Fragen, auf die wir selten eine Antwort finden werden.
Aber genauso, wie sich Fragen
zu seiner Person ergeben, bleiben auch in Bezug auf unsere Mutter
genauso viele Fragen offen.
Denn in guter Erinnerung an ihre Eltern, und dem Merksatz, dass nur
jene verletzen, die selber verletzt wurden, will mir nicht einleuchten,
woher sie die energetische Gewalt bezog, mit der sie mich bedachte.
Welcher normale Mensch käme ohne entsprechende Vorbilder auf
die Idee, ein Kleinkind nahezu regelmäßig mit Stockschlägen
auf die nackten Fußsohlen zu strafen - zu misshandeln und zwar
so lange, bis ich gelernt hatte, unmittelbar nach solch einer Prozedur
vor Schmerzen nicht mehr schreien zu dürfen?
Eine Maßnahme, die wie Amnesty International im Jahr 2002 beklagte,
überwiegend in afrikanischen Ländern Erwachsenen gegenüber
als Foltermethode angewandt wird!
Wie groß muss ihre Verzweiflung über ihre eigene Ausweglosigkeit
gewesen sein, um ihr verhasstes Kind - dem Synonym ihres unangreifbaren
Mannes, der das eigentliche Ziel ihres Hasses war, nur noch an den
Füssen haltend aus dem Fenster zu schwingen?
Hatte sie ihr letzter Rest an Gewissen, oder mehr die Angst vor den
Konsequenzen vom letzten loslassen abgehalten? Wie verroht muss ein
Mensch sein, um ein Kind zu einem unbeweglichen Paket verschnürt
achtlos den Tag hinter einer Tür verbringen zu lassen?
Warum war es ihr nicht einmal mehr möglich bei ihren eigenen
Eltern Schutz für sich - Schutz für ihre Kinder zu erbitten?
Ich denke es war einfach ihr
verletzter Stolz. Einer Seele, die in jeder Hinsicht all ihre Hoffnungen
und Ideale verloren hatte. Die zu verlieren, sie entgegen elterlichen
Ratschlägen sie sich wohl größtenteils selber gegenüber
zu verantworten hatte.
Um dies zu verstehen, muss man sich nur vergegenwärtigen in welch
einer kleinbürgerlichen Beamtenfamilie sie groß wurde,
in dessen Schatten eine nazistische Gesinnung wahrscheinlich einen
idealen Nährboden gefunden hatte.
Der zwar die individuelle
Persönlichkeitsentfaltung in der Blüte ihrer Jugend aufs
engste einschränkte, aber immerhin einen festen Rahmen bildete,
in dem es sich erträglich leben ließ.
Denn wie ich aus einem ihrer wenigen Gespräche her weiß,
war es für sie noch eine schöne Zeit, in der alles seine
geregelte Ordnung hatte.
Dieses Weltbild, wurde mit dem Ende des Krieges nahezu über Nacht
gründlich zunichte gemacht.
Und damit auch die Ideale der jungen Menschen, die nun orientierungslos
geworden, versuchen mussten einen neuen Halt zu finden.
Dem standen im Falle unserer Mutter mutmaßlich die immer noch
engen häuslichen und moralischen Grenzen ihrer Eltern entgegen.
Was also macht ein lebenshungriger junger Mensch, der in einer Nachkriegszeit
des überall vorherrschenden Mangels orientierungslos seinen Platz
im Leben zu finden sucht?
Er rebelliert gegen die grenzensetzenden Eltern auf, genauso wie wir
es heute noch immer bei vielen Jugendlichen erkennen können,
die im Begriff stehen, sich von ihrem Elternhaus zu lösen.
Demnach setzte sich unsere Mutter
gegen die Vorbehalte ihrer Eltern durch und stürzte sich ihren
bescheidenen Möglichkeiten entsprechend in ihr junges Leben.
Naiv, oder wie unvorsichtig junge Menschen mit 18/19 Jahren auch heute
noch sind, (obwohl zu jener Zeit die Volljährigkeitsgrenze bei
21 Jahren lag,) gebar sie vielleicht im Glauben an echter Liebe, von
einem russischen (Besatzungs?)Soldaten ein Kind, nämlich Dich
Be
Warum sein (Dein) Vater nicht die familiäre Verantwortung für
ihr gemeinsames tun tragen wollte, oder konnte, muss leider unbeantwortet
bleiben.
Ich hörte nur mal, dass der Vater weil er eine Beziehung zu einer
anderen deutschen Frau gehabt haben soll, nach Sibirien strafversetzt
worden sei.
Aber wie so oft, nichts Genaues weiß man nicht.
Damit brach erneut eine Welt
für eine junge Frau zusammen, die kaum, dass sie ihr Leben entdeckt
hatte, durch dieses Kind wieder daran gehindert wurde ein selbstbestimmtes
Leben zu führen.
Zumal sie noch in einer Zeit lebte, in der eine unverheiratete junge
Frau mit Kind nicht den besten Ruf genießen durfte.
Ja, ich denke, sich sogar von den eigenen Eltern den Vorwurf gefallen
lassen musste, ein leichtes Mädchen zu sein.
Mit diesen Attributen stigmatisiert
und eventuell noch unbekannten Gewalterfahrungen aus der Kriegs- und
Nachkriegszeit resultierend, die Ablehnung der Eltern spürend,
musste sie verbittert und vom Leben desillusioniert sehen, wie sie
sich und ihr Kind über Wasser halten konnte.
Mit dem Hinterkopfwissen, der wirtschaftlichen Not im Nachkriegsdeutschland
sollte es nicht überraschen, dass sie diese wirtschaftliche Sicherheit
möglichst bald in einer neuen, tragfähigen Bindung suchen
musste.
Ob es wieder ihre rebellierende,
oppositionelle Haltung gegen die eigenen Eltern war, die sie in die
offenen Arme eines fleißigen und damit finanziell vielversprechenden
Mannes trieb, der aber als Pole nie die Zustimmung ihrer Eltern erhielt,
darüber kann auch nur gemutmaßt werden.
Die später einsetzende Enttäuschung, mag jedenfalls ein
Hinweis darauf geben, wie sehr sie an sich selbst gezweifelt haben
mag. Denn den elterlichen Ratschlägen widersetzend wollte sie
später angesichts der Hölle, der sie nicht entrinnen konnte,
wohl weder ihren Eltern noch sich selbst gegenüber eingestehen,
dass all ihre Lebensinhalte in nichts zerbröselten und sie sich
wenigstens den letzten Rest Selbstbehauptung bewahren wollte, indem
sie nicht den Beistand ihrer Eltern suchen konnte, obwohl sie mehr
als je zuvor deren Hilfe benötigt hätte.
Denn was sich nun in ihrer Ehe abspielte, sprengte wohl jede Vorstellungskraft,
die sie sich bis dahin wenigstens noch in ihrer Phantasie in bunten
Farben ausgemalt haben mag.
Angefangen davon, dass ihr Göttergatte,
weil er der deutschen Schrift (und Sprache?) nicht mächtig, darin
auf ihre Hilfe angewiesen war, während er gleichzeitig die Ablehnung
ihrer Eltern als "Untermensch" spürte, entwickelte
er vermutlich, wenn sie nicht schon zu diesem Zeitpunkt vorhanden
waren, starke Minderwertigkeitskomplexe, die er unter anderem in typisch
maskulin ausweisenden Trinkgelagen zu kompensieren suchte.
Davon abgesehen, dass er mit solchen Eskapaden der mahnenden Ehefrau
und Familie, den gesicherten finanziellen Boden entzog, sah er sich
im betrunkenen Zustand wiederum auf die Hilfe seiner Gattin angewiesen,
was so gar nicht in sein labiles und dennoch archaisch geprägtes
Weltbild passen konnte.
Ob er schon in dieser "Anfangszeit"
als gewalttätiger Despot in Erscheinung trat, dürfte da
sicher auch interessant sein zu erfahren.
Dies wäre noch alles zu ertragen gewesen, aber der Umstand dass
sich ihr Mann selbst an ihre Kinder verging, konnte oder wollte unsere
Mutter dann nicht mehr wahrhaben. Fakt ist jedenfalls, das kam gleich
in den erst beiden Sitzungen, meiner jüngst begonnenen Psychotherapie,
aufgrund alter und noch gegenwärtig anhaltender Verhaltensauffälligkeiten
heraus, dass ich als Kleinkind ebenfalls missbraucht worden bin. Es
bedarf wohl keiner ausschweifenden Phantasien um zu erahnen von wem.
Ich habe hier keine Lust, auf nähere Details einzugehen. Wer
sich unbedingt die Mühe machen will, der kann sich im Internet
oder im Buchhandel über die Folgen und Unterschiede von sexuellen
Missbrauch und Kindesmisshandlung informieren und wird dabei zu der
erstaunlichen Erkenntnis gelangen, dass die Folgen sexuellen Missbrauchs
bei fast allen Menschen, von Variablen abgesehen, nahezu identisch
ist und somit dazu beiträgt, in diesen Fragen Sicherheiten zu
bekommen.
Diese Erkenntnis ist auch für mich eine große Überraschung,
tut mir aber allein schon deshalb nicht weh, weil ich mich nicht daran
erinnern kann. Oder besser, das Bewusstsein daran verdrängt habe.
Interessant scheint mir mit diesem Hintergrundwissen die Frage zu
sein, wenn nicht nur Ir
, Mo
. und ich von ihm missbraucht
wurden, ob da nicht auch die berechtigte Mutmaßung in den Raum
gestellt werden muss, ob auch Be
zu diesen Kreis gehört
und damit auch seine damalige Aggressivität heraufbeschwor, wie
ich sie nicht nur von ihm kennen lernte, sondern später, nachdem
ich in eine kinderpsychiatrische Klinik eingewiesen wurde, "endlich",
weil ich nicht mehr gedeckelt wurde, selber meine zerstörerischen
Aggressionen austoben konnte.
Falls es nicht zutrifft,
dann bedurfte es auf jeden Fall anderer Vorbilder, die erklären
helfen, woher seine Aggressivität genährt wurde. Für
mich haben sich auf jeden Fall, noch schlimmer als der Missbrauch
selber, die Reaktionen unserer Mutter darauf, umso tiefer in mein
Bewusstsein gebrannt.
Ich konnte es selbst nicht glauben, aber was mir meine Therapeutin
zu meinen Erfahrungen erklärte, klingt eigentlich unglaublich,
kommt ihrem Vernehmen nach, wenn auch selten, leider aber immer mal
wieder vor.
Nämlich dass Mütter, denen der Kindesmissbrauch ihrer Ehemänner
ersichtlich wird, statt sich von ihren Männern abzusetzen, oder
ihren Kindern hilfreich zur Seite zu stehen, ihre missbrauchten Kinder
wie Bettnebenbuhler behandeln, denen sie ihre ganze Verachtung und
Hass auf ihre abgrundtiefe Enttäuschung zukommen lassen.
Dies deckt sich jedenfalls sehr mit meinen Erfahrungen und erklärt
daher die schon Supergau anmutenden Kettenreaktionen, an deren Ende
alle, die in den Dunstkreis dieser familiären Gewalt gerieten,
nur verlieren konnten. Weil unsere Eltern, die sich zu hassen begannen,
ohne dass es ihnen möglich war durch Trennung ihrem Unglück
ein Ende zu setzen, die sich immer deutlicher verhärtenden Fronten
unter Einbeziehung ihrer eigenen Kinder munitionierten, um sich teils
hinter deren Schutz unsägliche widerwärtige Schlachten zu
liefern.
Von daher entpuppt sich Deine Aussage, ich wäre vom Vater überall
bevorzugt, oder gar geliebt worden, als genauso große Illusion,
wie der mögliche Glaube, Du oder jemand anderer von uns Geschwistern,
wäre von einem unserer Eltern wirklich geliebt worden.
Es sei denn, Du wolltest ernsthaft glauben machen, dass die Einbeziehung
der Kinder in einen ehelichen Konflikt auch nur annähernd etwas
mit Liebe zu seinen Kindern zu tun hat.
Wenn überhaupt, dann war es eine äußerst bizarre Form
von Liebe, die ihren Namen nicht verdient hat.
Vielleicht dämmert Dir jetzt so langsam, dass wir alle, jeder
auf seine Art, von unseren Eltern benutzt und missbraucht wurden und
damit gemeinsam Verlierer in diesem ungleichen Kampf geblieben sind.
In diesem Licht scheint es mir müßig darüber zu spekulieren,
wer von unseren Eltern größere Schuld auf sich geladen
hat. Denn die Mutter muss, von meiner Person abgesehen, ebenfalls
aus einer völlig neuen Perspektive betrachtet werden. Denn nachdem
mir erst in jüngerer Zeit die wahre Größenordnung
des Martyriums von Mo
. und Ir
zu Ohren kam, habe ich anschließend
Fachleute befragt und im Internet nach entsprechenden Informationen
geforscht und kann aufgrund der eindeutigen Antworten sicher davon
ausgehen, dass ein fortgesetzter, über lange Jahre hinweg anhaltender
Kindesmissbrauch, wie er im Fall von Mo
. und Ir
stattgefunden
hat, von der Mutter niemals unbemerkt geblieben sein konnte. Ich überlasse
es jedem selbst die Bedeutung dieser Information zu ermessen.
Für mich steht damit jedenfalls
außer Frage, dass sie im jahrelangen Wissen des väterlichen
Missbrauchs, dem Vater an unvorstellbarer Gefühlskälte in
nichts nachstand und erklärt mithin ihr gesamtes späteres
egozentrisches Verhalten. In dem weder ihre eigenen Kinder noch ihre
Kindeskinder je ihr Interesse gefunden haben und sie ohne Regung hinnahm,
ihre eigene Kinder sich selbst und ihren Schmerzen zu überlassen.
Es ist mir völlig gleichgültig
ob mich irgendwer von Euch wegen dieser unliebsamen Erklärungen
zum Teufel wünschen möchte, weil er/sie sich verletzt, oder
die zweifelhafte Ehre unserer Mutter angegriffen fühlt. Oder
hat mich jemals einer nach meinen Gefühlen gefragt?
Wie sehr ich meine Gefühle bisher unbewusst unterdrückt
habe, mag euch vielleicht schon daraus deutlich werden, dass ich bei
meinem letzten Zusammentreffen mit unserer Mutter im letzten Jahr
nichts gespürt habe. Weder die Suche nach ihrer Liebe, noch den
Hass, der mich viele Jahre innerlich zeriss.
Da saß mir ein völlig fremder Mensch gegenüber, für
den ich nicht das allergeringste Empfand.
Nun, da ich aufgewacht bin, spüre ich manchmal wieder den Vorteil,
dass man sich so weit auseinandergelebt hat.
Aber sollte ich mich heute gleichfalls an ihrer Hilflosigkeit versündigen
um ebenso unbarmherzig ihre Rechenschaft einzufordern, wie sie mich
einst behandelt hat?
Nein, denn ich habe ein Gewissen, dass mich zu Rücksichtnahme
mahnt.
Verständlicher Weise bedauere
ich zutiefst, dass es für ein konfrontierenden Gedankenaustausch
zu spät ist. Aber wenigstens habe ich hiermit die Genugtuung,
dass die Wahrheit nicht gänzlich unter den Teppich des Schweigens
verschwinden wird.
Natürlich werden zum Ende
dieser Betrachtung kommend, unzählige Aspekt unerwähnt bleiben,
unausgesprochene Fragen und Antworten offen zurückbleiben müssen.
Darauf einzugehen würde hier aber jeden vertretbaren Rahmen sprengen.
Von daher hoffe ich bei aller Kritik um Verständnis, wenn dieser
familienhistorische Abrissversuch am Mangel weiterer Details unvollständig
ausfallen musste.
Die Verantwortung bleibt in diesem Fall bei Dir Be
Schließlich habe ich Dich um weiterführende Information
gebeten. Wenn Du nicht genug Courage hattest, um meiner Bitte zu entsprechen,
dann wundere Dich jetzt nicht, dass ich es bis zum Überdruss
satt habe, wie all die vielen Jahre zuvor, schweigen zu müssen.
Deshalb blieb mir nur dieser fragmentarische Versuch zu erklären,
was eigentlich niemals einer Erklärung bedurft hätte, wäre
uns nicht das unausgesprochene Edikt des Schweigens und der Scham
auferlegt worden, dass unser Leben zu ersticken drohte, oder uns wenigstens
zu Fremden werden ließ.
Mag durchaus sein, dass ich in dieser Hinsicht besonders stark unter
dem Schweigen und der Ausgrenzung gelitten habe. Deshalb war es mir
auch ein unstillbares Bedürfnis mir mit diesem "Brief"
wieder Luft zu verschaffen. Denn das Bewusstsein, dass Du, wie ihr
noch immer in den selben verstaubten Gedanken zig vergangener Jahre
lebt, während sich die Welt längst von einer anderen Seite
zeigt, will mir einfach nicht in den Sinn gehen und rechtfertigt aus
meiner Sicht auf jeden Fall diese ausführliche Betrachtung. In
dessen Ergebnis ich nicht nur für Dich eine Aufarbeitung der
Vergangenheit, idealerweise in fachlicher Begleitung, für dringend
geboten halte.
Sich dazu durchzuringen, bedarf einer Kraft, die weit mehr Anstrengung
erfordert, als alles was Dir bis dahin bekannt war. Weil Du hier nicht
mehr mit einem Gegner konfrontiert wirst, den Du nach belieben bekämpfen
oder ignorieren kannst, sondern Dich selbst mit dem Spiegelbild Deiner
Seele und seinen Erfahrungen auseinandersetzen musst. Aber dass soll
jeder für sich selbst entscheiden.
Ich habe jedenfalls damit begonnen und hätte ohne der inneren
Bereitschaft diese elende Vergangenheit endlich mal gescheit aufzuarbeiten,
nie den Mut gefunden, um hier in dieser Form meine Stimme zu erheben.
Zugegeben nicht gerade ein Ausdruck ausgesuchter Liebenswürdigkeit,
aber dazu bestand hoffentlich auch für Dich nachvollziehbar,
keine Notwendigkeit.
Die Welt wird sich deswegen
mit seinen Freuden, Sorgen, Tragödien und all ihrer Triebhaftigkeit
sicher keinen Deut langsamer drehen. Aber durch die Bereitschaft,
im aufrichtigen Gespräch, die Tür zu den uns nächsten
Menschen zu öffnen, könnte diese Welt für uns alle
ein Stück weit kleiner und liebenswerter werden.
Ob es uns gelingen könnte, wieder zu einer gefühlsmäßigen
Familie zusammenzuwachsen, kann ich mir in Hinblick auf das Wie und
Danach, im Moment ehrlich gesagt nicht so recht vorstellen.
Denn dies hieße, selbst auf die Gefahr hin, wieder in missverstandener
Enttäuschung zurückgewiesen zu werden, sich selbst und seine
Gefühle einzubringen.
Gerade diese Eigenschaften sind mir ein Stück weit abhanden gekommen
und machen es mir schwer daran zu glauben die Gräben und zerbrochen
Ideale, denen jeder auf individuelle Art als Mensch von unseren Eltern
geopfert wurde zu überwinden.
Möglich auch, dass es noch mehr Zeit bedarf, um die Wunden der
alten Zeit zu heilen.
Dazu bedarf es aber erst mal eines entsprechenden Bewusstwerdens um
die Lage der Dinge.
Wenn es mir hiermit gelungen ist, für den einen oder anderen
von Euch dieses Bewusstsein zu wecken, dann habe ich tatsächlich
mehr erreicht, als allein nur mich ein Stück weit, von den Fesseln
der Vergangenheit zu befreien.
In diesem Sinne verbleibe ich für jeden von Euch, mit den besten
Wünschen, für sich selbst den geeignetsten Weg zu einem
glücklichen und erfüllten Leben zu finden.
Dein/Euer Bruder Klaus
Der bis auf diese Inkenntnisname
keine weitergehenden Erwartungen mit diesem Schreiben verknüpft.
|